Wissen im Entzug. Zur Emergenz und Funktionslogik der Dunkelziffer im 19. Jahrhundert


Unter Dunkelziffer versteht man im Allgemeinen ein der Statistik verborgenes, aber dennoch als real angenommenes Geschehen. Sie bezeichnet etwas, das sich dem allgemeinen Wissen tendenziell entzieht und angsteinflößend wirkt. Um ein Bild vom Ausmaß tatsächlich begangener Straftaten zu erlangen, werden in Deutschland seit zwei Jahrzehnten Dunkelfeldstudien erhoben. Zu diesen im Verbund von Politik und Wissenschaft erstellten Programmen zählen der Erste und Zweite Periodische Sicherheitsbericht, das Barometer Sicherheit in Deutschland und das Victimisation Survey Module.
Entgegen deren aktueller Konjunktur liegen jedoch die Geschichte dieses „Wissens im Entzug“ und dessen epistemologische Implikationen weitgehend im Dunklen. Gegenstand des Forschungsvorhabens ist eine Figur des Nicht/Wissens, mit der konkrete Forderungen und weitreichende Handlungen verknüpft sind. Die Bedeutung und die Verhandlung dieser Figur des Verdachts ist als konstitutiver Bestandteil der Wissensgeschichte in den Blick zu nehmen. Konkret am Material nachzuzeichnen ist, wie das Phänomen der unbekannten Tat zu einer research area avancieren und Interventionsfelder eröffnen konnte.
Die Sorge um eine Entkoppelung realer Vorkommnisse von ihrer faktischen Erfassbarkeit datiert zurück bis in das 19. Jahrhundert. Anhand von drei Fallstudien sind je unterschiedliche Reichweiten der Erfassung auszuleuchten. Untersucht werden soll auf städtischer Ebene (Berlin) das Bestreben die geheime Prostitution zu erfassen, auf landesweiter Ebene (Preußen) die Suche nach dem Ausmaß der als potentiell gefährlich angesehenen Geisteskranken und auf reichsweiter Ebene (Deutsches Reich) die angestrebte Erfassung einer ‚Kriminalitätswirklichkeit’. Die gewählten Fallstudien erschließen Interventionszonen an den Schnittstellen von Kriminalwissenschaft, Gesundheitspolitik, Verwaltung, Polizei, Armen- und Wohlfahrtswesen aus der Perspektive eines Nicht/Wissens.
Ziel des Projektes ist es, eine Geschichte der Durchwaltung unter dem Vorzeichen der Gefahr zu schreiben. Die Analyse der Fallstudien folgt vier, eng aufeinander bezogenen Schwerpunktsetzungen: Erstens interessiert die Emergenz dieser Nicht/Wissensfigur, ihre Funktionslogiken und epistemologischen Implikationen. Die zeitgenössische Suchbewegung, die sich auf gefahrenumwobene, in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens vermutete Bereiche richtete, ist zweitens nicht abzulösen von den Techniken der Kartographierung eines unbekannten Territoriums, die eine neue Form von Sichtbarkeit des ‚Wesens’ sozialer Kollektive herzustellen strebten. Ausgehend von der Interdependenz von Wahrnehmungs- und Entscheidungsformen interessiert drittens, auf welche Weise die Praktiken des Erhebens die Gegenstände ihres Interesses mitbestimmten. Viertens ist der Einsatz des unsicheren Wissens in Wechselwirkung mit den daran geknüpften Forderungen und Maßnahmen zu analysieren.

Projektleitung
Ledebur, Sophie Dr. (Details) (Wissenschaftsgesch. /Schwerpkt. Bild.u.Org.d.Wissens 19./20.Jhd.)

Laufzeit
Projektstart: 03/2019
Projektende: 02/2023

Forschungsbereiche
Geistes- und Sozialwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte

Zuletzt aktualisiert 2021-04-01 um 17:49