„Measuring Understanding of Democracy: Discussing Solutions for Methodological
Fallacies.”

Über die letzten Jahre hinweg ist das wissenschaftliche Interesse an der Frage nach dem indi-viduellen Demokratieverständnis (Understanding of Democracy – UODs) stetig gewachsen (Welzel und Kirsch 2017, Lu und Shi 2015, Bratton 2010, Dalton et al 2008, Diamond 2008, Inglehart 2003). Unter Rückgriff auf die Konzepte der politischen Kulturforschung (Pickel 2006) reifte die Überzeugung, dass die bis dahin gängige, aber analytisch eindimensionale Messung der Unterstützung des Konzeptes der Demokratie durch die Bürger in seiner Aussa-gekraft stark begrenzt ist (Braizat 2010, Chu und Huang 2010). Für eine angemessene Erhe-bung des tatsächlichen Ausmaßes der Unterstützung für Demokratie ist es vielmehr notwen-dig zu erfahren, welche Prinzipen und Normen die Bürger mit dem Begriff Demokratie ver-binden (Schubert und Weiß 2016). In der Auseinandersetzung mit dem Demokratieverständ-nis, welches dem Bekenntnis zur Demokratie zu Grunde liegt, diskutiert die Literatur die Viel-falt von unterschiedlichen Demokratieverständnissen sowohl zwischen Ländern und Regio-nen, als auch zwischen der politischen Elite und den Bürgerinnen und Bürgern. Die Bandbrei-te erstreckt sich dabei von einem eher minimalistischen Verständnis, dass sich vorrangig auf die Bestimmung repräsentativer Akteure durch partizipative Mitbestimmung der Bürger be-schränkt bis hin zu einem maximalistischen Konzept, welches den Output des politischen Systems in den definitorischen Rahmen mit einbezieht. Eine Bestimmung des jeweiligen Ver-ständnisses der Demokratie ist daher sowohl für den Vergleich der etablierten Demokratien im Westen mit den Demokratien jenseits des Westens (Schaffer 2014, Schedler und Sarsfield 2007), aber auch innerhalb des Westens selbst, relevant.
Mit dem zunehmenden Interesse für die Frage nach dem Demokratieverständnis differenzie-ren sich neben den konzeptionellen Vorschlägen vor allem die methodischen Ansätze, wie das Demokratieverständnis adäquat zu erheben ist, aus. Diese Ausdifferenzierung steht im Kon-text mit methodischer Kritik an der Verwendung von top-down-Analysekonzepten, häufig westlichen Ursprungs, im interkulturellen Vergleich. Als besonders problematisch werden Construct Bias, Method Bias sowie Item Bias in den Ergebnissen diskutiert. Das gilt vor allem dann, wenn nicht sichergestellt werden kann, dass die Indikatoren und Umfrageskalen, die für einen interkulturellen Vergleich angewendet werden, in den jeweiligen regionalen Kontexten bedeutungsäquivalent sind (van Deth 2013, Harkness et al. 2010, Rippl und Seipel 2008, van de Vijver 2003).
Die Autorenkonferenz bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, um die Diskussion um geeignete Methoden zur Erhebung von Demokratieverständnis fortzusetzen und neue Lösungen und Perspektiven weiter voranzutreiben (Welzel und Kirsch 2017, Schu-bert und Weiß 2016, Dalton et al. 2008). Die Ergebnisse der Autorenkonferenz werden über einen Special Issue in der Zeitschrift Democratization oder einer Special Section der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft in englischer Sprache einer breiten wissenschaftlichen Community zugänglich gemacht. Die Antragsteller sind überzeugt, dass die ausgewählten Beiträge für die Autorenkonferenz die Diskussion um geeignete Methoden zur Erhebung von Demokratieverständnis maßgeblich befruchten.
Darüber hinaus ist dieses Format ein zentraler vorbereitender Baustein eines umfassenderen Forschungsprojektes, das sich theoretisch und methodisch mit möglichen Configurations of Democracy auseinandersetzen möchte. Personell ist die Autorenkonferenz in Teilen de-ckungsgleich mit einem geplanten Forschungsnetzwerk zu Configurations of Democracy (Be-antragung bei der DFG in Vorbereitung) und steht in einer Reihe mit weiteren Aktivitäten, wie dem Panel: Measuring the Understanding of Democracy – Alternative Approaches auf der ECPR-General Conference 2017 sowie dem Doppel-Panel: Die Bedeutung von Demokratie Oder: Zu den Grenzen des Demokratiebegriffs und Die Bedeutung von (unterschiedlichen) De-mokratie(-verständnissen) im Kontext aktueller Entwicklungen auf der 27. Wissenschaftlichen Kongress der DVPW 2018.
Wie bereits angedeutet, setzt die Autorenkonferenz die bereits begonnene Auseinanderset-zung mit methodischen Fragen der Erhebung von Demokratieverständnis fort. Die Autorin-nen und Autoren der Autorenkonferenz werden in ihren Beiträgen unterschiedliche Proble-maspekte der Erhebung von Demokratieverständnis beleuchten und eine große Varianz von methodischen Antworten auf die genannten Herausforderungen präsentieren. Ziel ist es qua-litativ und quantitativ forschende Kolleginnen und Kollegen zusammenzuzubringen, ebenso so wie mixed-method-Ansätze zu diskutieren, die beide Forschungsstränge in einen Dialog bringen.
Die Konferenz beginnt mit einem Vortrag der Herausgeber_innen zu den Herausforderungen der Erhebung von Demokratieverständnis und der Zielsetzung des Autorenworkshops/ Speci-al Issues. Hierfür wird die Notwendigkeit methodischer Innovationen in dem Forschungsfeld mit Hilfe empirischer Ergebnisse der vergleichenden Demokratieforschung und Argumenten der transkulturellen vergleichenden Theorie hergeleitet sowie Perspektiven eines sich neu formierenden Forschungsfeldes skizziert. Ergänzt werden diese einleitenden Gedanken durch eine öffentliche Keynote Speech, die am Abend stattfinden soll. Mit Larry Diamond ist ein renommierter Politikwissenschaftler angefragt, der mit seinen Schriften einen maßgeblichen Beitrag zur Konzeptualisierung demokratischer Ordnungsvorstellungen geleistet hat. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive scheinen uns hier sowohl die deduktive als auch in-duktive Herangehensweisen relevant.
In der deduktiven Forschungslogik (top-down) können variierende Demokratieverständnisse a priori angenommen werden, deren Existenz und Verbreitung sich über verschiedene me-thodische Zugänge messen lassen (Ferrín und Kriesi 2016). Standardisierte Umfragen sind hier die etablierte Methode. Dies ermöglicht die Analyse der Befürwortung unterschiedlicher Demokratiemodelle (z.B. liberale Demokratie, soziale Demokratie) in verschiedenen räumli-chen und/oder zeitlichen Kontexten. Bei der induktiven Herangehensweise (bottom-up) sollen die Demokratieverständnisse möglichst offen und ohne eng gesetzte Demokratiemodelle ent-sprechend erforscht werden. Die methodischen Zugänge reichen von Fokusgruppen (King und Wand 2007) und Repertory-Grid (Osterberg-Kaufmann 2016) bis zu inhaltsanalytischen Verfahren und offen gestalteten Messinstrumenten in Surveys. Dies ermöglicht eine tieferge-hende Erfassung der Demokratieverständnisse und lässt eine Analyse im Hinblick auf deren Homogenität und Heterogenität zu. Die Zusammenführung dieser beiden wissenschaftstheo-retischen Zugänge sowie die damit verbundenen methodischen Möglichkeiten helfen, mögli-che Grundelemente von Demokratie aus Sicht der Bevölkerung zu identifizieren, ohne dabei der Problematik des conceptual streching zu erliegen, nach dem dann alles Demokratie wäre.
Top-down
Die Messung von a priori angenommenem Demokratieverständnissen, wie im top-down-Ansatz, läuft entsprechend der Vorannahmen Gefahr einer normativ verengten Ausrichtung und homogenen Verwendung von den zu messenden Begriffen. In der methodischen Debatte werden in diesem Kontext die Phänomene der sprachlichen und funktionalen Äquivalenz diskutiert. Bereits in national angelegten Studien problematisch, werden Äquivalenzprobleme in cross-country und cross-culture-Studien ein ernstzunehmendes Hindernis, da weder von einem vergleichbaren Verständnis der Fragen, noch einer vergleichbaren Verwendung der genutzten Begriffe und Assoziationen ausgegangen werden kann (Lauth et al. 2009).
Gemäß diesen Überlegungen zeigt Hasan Muhammad Baniamin in seinem Beitrag auf Basis von Daten zu 34 afrikanischen Ländern, welchen Einfluss grundsätzliche Ansprüche gegen-über dem politischen System auf die Wahrnehmung und Bewertung von Demokratie haben und in Folge zu einer Varianz von Demokratieverständnissen in diesen Ländern führen. In umgekehrter Richtung untersuchen Carsten Wegschneider und Toralf Stark in ihrem Beitrag inwieweit ein (unterschiedliches) Demokratieverständnis die Unterstützung für ein politisches Regime beeinflusst. Den Einfluss von Wertorientierungen, hier wiederum auf die Idee(n) von Demokratie fokussiert, greift auch Christoph Mohamad-Klotzbach mit Verweis auf die Wahl-forschung, dem concept of democratic values und Untersuchungen von political spaces auf. Mithilfe unterschiedlicher Wertedimensionen sollen die Benefits der Integration von unter-schiedlichen Wertedimensionen in das Fragbogendesign diskutiert werden, womit sich die deduktive top-down-Perspektive ein Stück weit öffnet.
Verwandt mit der Herausforderung der Begriffsäquivalenz in der Umfrageforschung ist die Frage der subjektiven Verwendung vorgegebener Skalen. In der Praxis gehen Forscher davon aus, dass alle Umfrageteilnehmer subjektive Skalen in exakt der gleichen Weise interpretieren. Da Befragte aber durchaus in der Interpretation der Skalen differieren, ist diese Vorgehens-weise fraglich (Wand 2012). In der Konsequenz der Befragung nach deduktiver top-down-Logik kann es also durchaus sein, dass Befragte aus verschiedenen Ländern oder Kulturen kontextkonform antworten, obwohl sie Normen und Einstellungen nicht teilen. Damit sind die Daten weder sprachlich noch funktional äquivalent und nur schwer vergleichbar. Eine Methode mit der heterogenen Verwendung von Ordinalskalen umzugehen, ist die Verwen-dung von anchoring vignettes (King et al. 2004, King and Wand 2007, Wand 2012). Mit ihrer Hilfe ist es möglich die Antworten der Befragten hinsichtlich dahinterliegender Normen, Werte oder Muster entsprechend zu kalibrieren und damit (interkulturell) vergleichbar zu machen (Hopkins und King 2010). Anchoring vignettes, können durch die Integration in quantitative Fragebögen das, von Tom Ulbricht in seinem Beitrag so betitelte, Shisma in de-duktives und induktives Vorgehen überwinden.
Das Problem der sprachlichen und kulturellen Äquivalenz von Begriffen und Konzepten selbst können aber auch die anchoring vignettes, gewissenhafte Übersetzung und Rücküberset-zung der Fragen und Antwortoptionen, Fokusgruppen oder cognitive debriefing (King and Wand 2007, S. 46) nicht komplett aufheben. Konsequenterweise schließen in Folge dessen einige Wissenschaftler insbesondere Länder jenseits Westeuropas und Nordamerikas von ihren Studien aus, was jedoch gravierend die Generalisierbarkeit (Pickel 2006), Übertragbar-keit und Vergleichbarkeit der Ergebnisse einschränkt.
Bottom-up
Ein alternativer Ansatz, um die oben angesprochenen Defizite des top-down-Vorgehens zu mildern, sind offene Fragen. In der Tradition von Dalton et al. (2008), die im Anschluss an standardisierte Fragen einiger großer cross-national-surveys qualitative Daten zum Verständ-nis von Demokratie gesammelt haben, versuchen Vibha Atrri und Jyoti Mishra den dedukti-ven-top-down Ansatz (quantitativ) und den induktiven bottom-up-Ansatz (qualitativ) in ihren Beiträgen durch die Kombination geschlossener und offener Fragen nach der Logik von mixed-method-Ansätzen innerhalb eines Fragebogens zu kombinieren. In ihren jeweiligen Beiträgen thematisieren die Autorinnen wie geschlossene und offene Fragen gemeinsam ana-lysiert werden können und welche Herausforderungen bei diesem Design auftreten können. Um den subjektiven Sinn menschlichen Handelns zu analysieren, ist es notwendig das Subjekt ins Zentrum der Forschung zu rücken. Durch eine höchstmögliche Offenheit und möglichst geringe Beeinflussung durch Fragen und Antwortmöglichkeiten, die aktive Artikulation und Formulierung von Meinungen und Einstellungen mit den eigenen Worten sollen die Proble-me der sozialen Erwünschtheit und des bloßen Lippenbekenntnisses abgeschwächt werden (Pickel und Pickel 2009).
Über den Ansatz der offenen Befragung hinaus gehen deshalb Rolf Frankenberg, Tim Gens-heimer und Daniel Buhr in ihrem Beitrag. Die Autoren versuchen durch episodische Inter-views (Erzählungen von subjektiven Erfahrungen und Lebensgeschichten) subjektives Wissen oder eben spezifische Demokratieverständnisse zu rekonstruieren. Ebenfalls einen eher indi-rekten Zugang zum Demokratieverständnis wählt Susanne Pickel in ihrem Beitrag, in dem sie politische Eliten in semi-strukturierten Interviews mit Stimulationsszenarien konfrontiert , auf deren jeweiliger Basis sie politische Problemlösungsstrategien entwickeln sollen. Der indi-rekte Stimulus deckt konkrete Handlungsintentionen und Einstellungen der befragten Eliten auf und lässt Rückschlüsse auf das dahinterliegende Demokratieverständnis zu. Während Susanne Pickel das Demokratieverständnis politischer Eliten erhebt, präsentieren Stefan Dah-lberg, Sofia Axelsson, Magnus Stalgren, Amaru Cuba Gyllensten und Sören Holmberg in ih-rem Beitrag mit dem distributional semantic lexicon eine Methode, die es erlaubt mit Hilfe statistischer Verfahren gemeinsam auftretende Informationen aus großen Textmengen zu gewinnen. Damit ist die Analyse von Demokratieverständnis in der Bevölkerung innerhalb eines natürlichen Kontextes möglich, ohne sprachliche, räumliche, kulturelle oder ähnliche Barrieren. Die Autor_innen ermöglichen mit diesem Vorgehen einen unverfälschten indukti-ven bottom-up-Zugang zum länder- und kulturübergreifenden Demokratieverständnis. Eben-so auf der Basis von Textdaten erheben Gary S. Schaal, Christoph Deppe, Dannica Fleuß und Florian Grotz das Demokratieverständnis auf Bevölkerungsebene und Ebene der politischen Eliten in ihrem Beitrag. Die Autor_innen nutzen Text-mining zur Analyse von (Demokratie-)Diskursen in der Rechtsprechung, in Parlamentsdebatten sowie in Massenmedien und Social Media.
Als mixed-method und mixed-level-Ansatz präsentieren Norma Osterberg-Kaufmann und Ulrich Stadelmaier abschließend Methoden der Differenzierung als einen interdisziplinären Zugang zur Erhebung von Demokratieverständnissen. In ihrem Beitrag stellen sie dar wie quantitative Surveyforschung, qualitative Repertory Grid-Forschung und die quantitative Me-thode des semantischen Differentials ineinander greifen, um Vorteile der unterschiedlichen methodischen Zugänge zu verbinden und damit ein induktives bottom-up und ein deduktives top-down-Vorgehen innerhalb einer Studie zu vereinen.
Zum Abschluss der Autorenkonferenz soll ein Resümee aus der Vielfalt der methodischen Alternativen zur Erhebung von Demokratieverständnis gezogen werden und vor allem disku-tiert werden, welche Ansätze in zukünftiger empirischer Erforschung von Demokratiever-ständnis gewinnbringend miteinander kombiniert werden können. Besonders im Hinblick auf die Generalisierbarkeit von empirisch erhobenen Demokratieverständnissen, gilt es zu klären, wie die qualitativ erzielten Ergebnisse in das Design der großen länderübergreifenden Surveys der Politischen Kultur- und Einstellungsforschung integriert und damit die Messäquivalenz auch in large-n-Studien verbessert werden kann.
Zusammengefasst versammelt die beantragte Autorenkonferenz innovative und interdiszipli-näre Beiträge zu Methoden der Erhebung von Demokratieverständnis aus unterschiedlichen methodischen und wissenschaftstheoretischen Perspektiven. Erklärtes Ziel der Autorenkonfe-renz ist die Publikation der ausgewählten Papiere für einen Special Issue bei einer einschlägi-gen Zeitschrift internationaler Reichweite. Entsprechende Gespräche laufen derzeit mit De-mocratization und der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft.

Principal Investigators
Osterberg-Kaufmann, Norma Dr. (Details) (Head of Department / Secretary)

Duration of Project
Start date: 08/2018
End date: 08/2018

Research Areas
Social Sciences

Research Areas
Demokratieforschung

Last updated on 2020-01-06 at 19:36