Die Ukrainer des Zarenreiches in der Wahrnehmung der deutschen Wissenschaft und Diplomatie des frühen 19. Jh.s (1801 - 1850).


Wegen der politisierten Behandlung der historischen Quellen war eine objektive fachliche Erforschung der deutschen Russland- und Ukrainekunde des 19. Jahrhunderts während längerer Zeit kaum realisierbar. Im Ergebnis blieben die bereits bekannten Untersuchungen (v.a. von J. W. Möller, B. v. Wichmann, J. G. Kohl, J. H. Blasius, E. Hermann, A. F. v. Haxthausen) überwiegend außerhalb des Rahmens der modernen Geschichtswissenschaft, desgleichen eine sehr große Zahl von gedruckten und Archivquellen.



Das gemeinsame Merkmal der bisherigen ukrainischen Studien zur deutschen Ukrainekunde (D. Doroschenko, Die Ukraine und das Reich. Neun Jahrhunderte deutsch-ukrainischer Beziehungen, Leipzig 1941; É. Borchtchak, L'Ukraine dans la litterature Occidentale, Dijon 1937; I. Kulyny , Ukraina v zaharbnytskyh planah nimeckoho imperializmu [1900-1914], Kyjiv 1963) besteht in der Behandlung der deutschen Literatur vor allem unter dem Blickwinkel der Übereinstimmung der deutschen Darstellungen mit den Kriterien der ukrainischen Geschichtsforschung. Als seltene Ausnahmen sollen kurze Quellenstudien in der Arbeit von Myhajlo Lozynskyj genannt werden, wo einzelne deutsche Publikationen des frühen 19. Jh.s ausgewogen charakterisiert werden (M. Lozynskyj, Haly yna w rokach 1918-1920, Wien 1922).



Zu einem besonderen Gegenstand der Forschung sind die Denkmäler der deutschen Ukrainekunde in den Arbeiten von Rudolph Mark, Edgar Hösch und Andreas Kappeler geworden (Rudolf A. Mark, Johann Christian von Engel (1770-1814) als Historiograph der Ukraine, in: Zeitschrift für Ostforschung 36 (1987), 191-201; Edgar Hösch, An Episode from German-Ukrainian Scholarly Contacts, in: German-Ukrainan Relations in Historical Perspective, ed. by H.-J. Torke and J. - P. Himka, Edmonton-Toronto 1994, 1-9; Andreas Kappeler, Die Ukraine in der deutschsprachigen Historiographie, in: Österreichische Osthefte 2000 3/4, 162-174). Im Mittelpunkt des Interesses dieser Wissenschaftler steht der Einfluss der geistigen und politischen Atmospäre auf die Formierung des Ukrainebildes bei J. Engel, J. Rommel und F. Bodenstedt. Die Erforschung dieser kulturhistorisch bedingten Wahrnehmung (z. B. von Doroschenko praktisch unbeachtet) benötigt vor allem die vollständige Heranziehung von zahlreichen (auch bisher unbeachteten) Quellen, die das Ukrainebild in der deutschen Russlandkunde des frühen 19. Jh.s formen.



Der vorgeschlagene chronologische Rahmen (1801-1850) ist für die geplante Forschung besonders aktuell, da er die Wahrnehmung der ukrainischen Nationalbewegung (im Übergang von einer kulturellen Erscheinung zur Entwicklung von nationalpolitischen Zielen) durch das Prisma der Interessen deutscher Russlandforscher und Diplomaten ermöglicht.


Projektleitung
Hardtwig, Wolfgang Prof. Dr. phil. (Details) (Neuere Geschichte)

Laufzeit
Projektstart: 02/2008
Projektende: 04/2008

Forschungsfelder
Ukrainer, Zarenreich

Zuletzt aktualisiert 2020-09-03 um 17:12