Kulturgeschichte der Außenpolitik im ausgehenden Zarenreich (1871-1914) II


In diesem Projekt soll untersucht werden, wie Außenpolitik als kulturelle Interaktion funktionierte.



Anstatt davon auszugehen, dass Außenpolitik einer abstrakten Staatsräson oder dem verhängnisvollen Verlauf der Dinge folgte, wird (wieder) angenommen, dass es die konkreten Menschen Gesandte, Botschafter, Außenminister, Kaiser waren, die über Freund und Feind, Krieg und Frieden bestimmten. Allerdings bedeutet dies keine Rückkehr zur Erforschung von Intentionen und großen Männern , sondern eine Hinwendung zu Repräsentationen und deren Wahrnehmung. Deshalb ist es relevant und längst überfällig, sich von den Makrostrukturen abzuwenden, um zu untersuchen, a) welche eigene kulturelle Fracht und Performanz diese Emissäre mit in die Begegnungen und Verhandlungen brachten und b) welche Vorstellung von ihrem Gegenüber und dessen Darbietung sie entwickelten. Schließlich war die Welt der europäischen Außenpolitik in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg hochformalisiert und unterlag einer strengen Etikette sowie einem eben solchen Protokoll. Dieser Befund soll nicht länger als kunstgeschichtliches oder folkloristisches Beiwerk abgetan, sondern als Repräsentation von Macht und Herrschaft, als Ausdruck von Hoch- oder Geringschätzung ernstgenommen und untersucht werden. Am Ende soll erklärlich werden, wie russische Fremd- und Selbstbilder sowie deren Manifestation in Kleidung, Sprache und Ritualen dazu beitrugen, dass es z.B. zu wiederholten Bündnissen mit französischen Diplomaten und einer guten Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen kam, während die Beziehungen zu den Mitarbeitern in Wien problematisch blieben. Dafür werden konkurrierende Macht- und Territorialansprüche nicht als natürlich und gegeben an den Ausgangspunkt dieser Studie gesetzt, sondern im Gegenteil soll als Ergebnis der Untersuchung herauskommen, wie solche Erbhöfe überhaupt erst konstruiert, nach außen dargestellt und in den Habitus eines natürlichen Anspruchs gekleidet wurden.


Projektleitung
Schattenberg, Susanne Dr. (Details) (Geschichte Osteuropas)

Laufzeit
Projektstart: 01/2006
Projektende: 12/2007

Zuletzt aktualisiert 2020-09-03 um 23:12