SFB 640 I: Political Myths in Germany after 1989 (TP A 6)


Politische Mythen sind symbolische Repräsentationen sozialer Gemeinschaften. In solchen symbolischen Repräsentationen werden Gemeinschaften selbst erfahrbar, weil sie zur Selbstvergewisserung beitragen.
In diesem Teilprojekt des Sonderforschungsbereiches werden politische Mythen und Symbole untersucht, mit besonderem Augenmerk auf ihrer Verbindung mit Erinnerungsorten. Im Mittelpunkt stehen dabei die durch die historische Zäsur von 1989 und den danach forcierten europäischen Integrationsprozess induzierten Brüche und Veränderungen. Am Fall Deutschlands kann dabei das Spannungsverhältnis zwischen tradierten Repräsentationsformen von Mythen und ihren gewandelten Umweltbedingungen studiert werden.



Die Mythen- und Symbolbewirtschaftung in Deutschland nach 1989 ist auch insofern eine Herausforderung für die Forschung, als mit der Vereinigung eines dem westlichen und eines dem östlichen System angehörenden Staates die unterschiedlichen politischen Mythen und Symbolstrukturen beider Systeme zur Disposition standen. Dabei haben sich parallel zur politischen und gesellschaftlichen Ordnung in der Regel fast immer die westlichen Narrationen durchgesetzt. Der gesellschaftliche Wandel seit der Gründung der beiden deutschen Staaten zeigt sich aber auch darin, dass beide Gründungsmythen nicht nur der des Antifaschistischen Widerstandes, sondern auch derjenige des Wirtschaftswunders an Kraft verloren haben, und zwar im einen Fall, weil der Staat politisch gescheitert ist (DDR), und im anderen Fall, weil zentrale Symbole des Mythos verschwunden sind (D-Mark).



Die Forschungshypothese des Teilprojekts lautet, dass die klassischen politischen Mythen zunehmend durch Konsum- und Lebensstilmythen konterkariert werden, worin eine Umstellung der gesellschaftlichen Integration von politischen auf lebensweltlich-ökonomische Formen zum Ausdruck kommt, während sich gleichzeitig eine gegenüber der Bonner Republik intensivere Staatszeremonialisierung der Berliner Republik zeigt. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Tendenzen, deren erste der Tradition der alten Bundesrepublik entspricht, während deren zweite eher der DDR-Tradition entspricht, könnte demnach auf eine insbesondere hinsichtlich des Problems angemessener Staatsrepräsentation noch ungeklärte, kollektiv unbewusste Identitätspolitik des wiedervereinigten Deutschland hindeuteten.


Principal Investigators
Münkler, Herfried Prof. Dr. phil. (Details) (Collaborative Research Centres)

Duration of Project
Start date: 07/2004
End date: 06/2008

Last updated on 2020-10-03 at 16:45