Die Wahrnehmung sozialer Gruppen durch das Prisma sexueller Gewalt in St. Petersburg 1864-1914


Der Stellenwert und die Bedeutungen sexueller Gewalt wandelten sich seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Zum einen trugen die seit den 1860er Jahren entstehenden, ausgesprochen populären Boulevardzeitungen durch ihre ausführliche Berichterstattung über Kriminalität zu einem subjektiv empfundenen Anstieg von sexueller Gewalt bei. Weiterhin beeinflußten neue wissenschaftliche Disziplinen und Methoden wie die Kriminalstatistik die Wahrnehmung sexueller Gewalt. Zudem ist die rasche Urbanisierung Sankt Petersburgs zu nennen. Die mehrheitlich männlichen Migranten aus dem ländlichen Rußland, die in Sankt Petersburg arbeiteten, brachten eine dörfliche und damit fremde Kultur in diejenige Stadt, die als besonders europäisch, als das Fenster zum Westen galt. Die Neuankömmlinge waren in der Stadt spürbar, scheinbar neu auftretende und öffentlich diskutierte Phänomene wie Kriminalität, Rowdytum oder eben sexuelle Gewalt wurden mit ihnen in Verbindung gebracht.

Wie sexuelle Gewalt je nach dem sozialen Milieu, in dem sie stattfand, beurteilt und erklärt wurde, ist eine der Fragen des vorliegenden Projektes. Weiterhin wird zu fragen sein, inwiefern Geschlecht konstitutiv für die Interpretationen sexueller Gewalt war und ob dies quer durch die Schichten der russischen Gesellschaft galt? Welche Vorstellungen kursierten über die Sexualität der Unterschichten im Unterschied zu der der gehobenen Kreise? Wie wurden die vielfältigen Formen sexueller Gewalt (Vergewaltigung, Lustmord, sadistische Praktiken etc.) in den unterschiedlichen sozialen Milieus beurteilt? Wie wirkte sich sexuelle Gewalt in den städtischen Unterschichten auf die von der Elite geführte Diskussion über den zukünftigen Weg Rußlands als europäisches oder aber slawisches Gemeinwesen aus?

Projektleitung
Baberowski, Jörg Prof. Dr. (Details) (Geschichte Osteuropas)

Laufzeit
Projektstart: 10/2003
Projektende: 09/2006

Zuletzt aktualisiert 2020-10-03 um 16:37