Coding of temporal order information in semantic memory


Wissen um die zeitliche Abfolge von Ereignissen ist zentral für Denken, Kommunikation und umweltangemessenes Handeln. Dieser Aspekt des psychologischen Zeitbegriffs ist bisher wenig untersucht. Deshalb wurde im vorliegenden Projektes thematisiert, wie alltäglich wiederkehrende Ereignisse und Ereignissequenzen im semantischen Gedächtnis repräsentiert sind und bereitgestellt werden. Dabei wurden Priming- und Wiedererkennungsparadigmen im Wort- bzw. Satzkontext eingesetzt. Die Daten zeigen, daß die zeitliche Folgeinformation im Gedächtnis repräsentiert ist und autonom aktiviert wird. Dieser Befund korrespondiert mit dem Status dieser Information in der entwicklungspsychologischen Literatur (Mandler & McDonough, 1995). Mental repräsentierte Ereignissequenzen werden sequentiell aktiviert. Anderson s Annahme (1983), daß den Anfangs- und Endgliedern dabei eine bevorzugte Rolle zukommt, läßt sich nicht stützen. Im Ereigniswissen ist eine zeitliche Vorzugsrichtung nachweisbar (der Zeitpfeil nach Eddington (1928)), die sich in einer bevorzugten Verarbeitung zukunftsorientierter Ereignisse äußert. Es handelt sich dabei um ein robustes Phänomen, das sich bei verschiedenen Anforderungen zeigt und sowohl bei singulären Ereignisbegriffen als auch bei begrifflichen Konnexionen nachweisbar ist. Das stützt die Theorie dynamischer mentaler Repräsentationen (Freyd, 1987, 1992). Die Befunde zeigen erstmalig, daß die zeitliche Vorzugsrichtung im semantischen Gedächtnis multipel kodiert ist: durch assoziative Verbindungen zwischen Gedächtniszuständen (Friedman, 1989; Grafman, 1995) und durch erwartungsgesteuerte Selektionsprozesse, wobei die Aufmerksamkeit auf die Verarbeitung zukünftiger Ereignisse fokussiert wird (Cowan, 1995). Die Überdeterminiertheit der Kodierung der zeitlichen Vorzugsrichtung unterstreicht ihren organismischen Nutzen. Wie bei perzeptiven Klassifikationsleistungen (Nosofsky & Johansen, 2000) kann auch bei Ereigniswissen die Aufmerksamkeit so auf die dargebotene Information verteilt werden, daß die Leistung optimiert wird. Optimierungskriterium ist hier die Adaptation an eine komplexe, dynamische Umwelt. Dafür scheint die Antizipation künftiger Ereignisse entscheidend. Das ereignisbasierte Hintergrundwissen beeinflußt auch das Sprach- und Textverstehen. Das dabei konstruierte Situationsmodell (Kintsch, 1998) hat eine Zeitdimension, die die chronologische Abfolge von Ereignissen in der Umwelt reflektiert. Mit zunehmender Distanz zwischen mental repräsentierten Ereignissen nimmt dabei der Einfluß der zeitlichen Vorzugsrichtung ab. Das Projekt hat neue und theoretisch relevante Aussagen zur Kodierung von Zeitbezügen im semantischen Gedächtnis geliefert. Die Ergebnisse sind für die adäquate Erklärung des Sprachverstehens, für Prozesse des Planens und Problemlösens relevant. Sie gestatten eine psychologische Vertiefung von Lösungsansätzen der Linguistik und Künstlichen Intelligenz.


Principal Investigators
van der Meer, Elke Prof. Dr. sc. nat. (Details) (Cognitive Psychology)

Duration of Project
Start date: 08/1998
End date: 09/2000

Research Areas
Gedächtnis, Wissensrepräsentation, Zeitrepräsentation

Last updated on 2020-11-03 at 23:16