Patronale Beziehungen im archaischen und klassischen Athen


Patronale Beziehungen als persönliche, längerfristige Bindungen zwischen Personen ungleichen Ranges gelten in der historischen und soziologischen Forschung als universaler Beziehungstyp, der in nahezu allen Gesellschaften in jeweils unterschiedlicher Funktion und Ausprägung vorkommt. Ziel des Projektes ist es, für das archaische und klassische Athen patronale Beziehungen systematisch zu untersuchen und ihre Wechselwirkungen mit der gesellschaftlichen Ordnung und den entstehenden politischen Institutionen zu bestimmen.
Im Kontext der althistorischen Forschung nimmt die Frage nach der Bedeutung patronaler Beziehungen im antiken Griechenland bislang eine Randstellung ein. Dies ist im Wesentlichen auf methodische Engführungen zurückzuführen: Zum einen wurden patronale Beziehungen als notwendigerweise schichtübergreifend konzipiert - womit gerade die Beziehungen innerhalb der Oberschicht außerhalb der Perspektive lagen, zum anderen wurde unter dem Forschungsbegriff Patronage in der Regel nur deren instrumentelle Seite, nämlich Austauschakte thematisiert - wodurch andere Sinndimensionen ebenso wie die zugrundeliegenden Beziehungsverhältnisse weitgehend ausgeblendet blieben.
Im Rahmen des Projekts wird daher ein grundlegender Neuansatz unternommen. Die Basis dafür bildet einerseits die Einbeziehung von schichtinternen Bindungen innerhalb der Aristokratie, andererseits die Einführung einer Begrifflichkeit, die Beziehungen analytisch in eine instrumentelle, performative und symbolische Dimension differenziert.
Auf der Grundlage der bisherigen Forschungen lässt sich dabei Folgendes zeigen: (a) Symbolisch trugen patronale Beziehungen zur Statusmanifestation der griechischen Adligen bei, da nur diese über derartige Nahbeziehungen verfügten. (b) Instrumentell erweisen sie sich als Grundlage wechselseitiger Unterstützung, die besonders in wirtschaftlichen Krisensituationen und bei Adelskämpfen entscheidend waren. (c) Die performative Dimension reflektiert, dass patronale Beziehungen zu ihrer Aktualisierung immer wieder auf Interaktionssituationen angewiesen waren.
Bezüge patronaler Beziehungen zur politischen Organisation werden mit der Frage nach den Einflussmöglichkeiten adliger Beziehungsnetzwerke und deren Marginalisierung im Zuge der Entstehung der Demokratie hergestellt, Bezüge zur sozialen Ordnung mit der Frage nach der Reproduktion sozialer Hierarchien durch das Bestehen persönlicher Nahbeziehungen.
In diesem Sinne versteht sich das Projekt als Beitrag zu einem differenzierten Verständnis persönlicher Nahbeziehungen und ihrer Entwicklung im Rahmen der griechischen Sozial- und Verfassungsgeschichte.

Projektleitung
Winterling, Aloys Prof. Dr. (Details) (Alte Geschichte II)

Laufzeit
Projektstart: 10/2009
Projektende: 04/2012

Forschungsfelder
Patronage, Patron-Client-Relationships, Friendship, Archaic and Classical Greece, Social History, Patronage, Patron-Klient-Beziehungen, Freundschaft, Archaisches und Klassisches Griechenland, Sozialgeschichte

Zuletzt aktualisiert 2020-13-03 um 23:06