Das technische Bild


Visuelle Strategien in Wissenschaft und Technik: In den letzten Jahren sind Funktionen, Möglichkeiten und Gefahren von Bildern weit über die Fachgrenzen von Archäologie und Kunstgeschichte hinaus in einer kaum jemals zuvor aufgetretenen Intensität erörtert worden. Vermutlich hat die Bilderfrage seit den konfessionell geprägten Auseinandersetzungen um das Problem der Berechtigung religiöser Bilder nicht mehr ein derartiges Maß an Aufmerksamkeit erweckt. Der Grund für dieses Phänomen liegt in der Erfahrung, dass Bilder durch die massen-medialen Kommunikationsmittel und die digitale Bildproduktion eine ubiquitäre Geltung erreicht haben, die bisweilen Züge eines überwirklichen Status annimmt. Die vor circa zehn Jahren geprägten Formeln des pictorial turn (W. J. T. Mitchell) und des iconic turn (Gottfried Boehm) haben dieses Phänomen begrifflich zu bestimmen versucht, und zahlreiche Projekte haben eine philosophische oder semiotische Einordnung beansprucht. Diese Wende hatte jedoch methodische wie auch die Gegenstandsbereiche betreffende Konsequenzen, die bis heute nicht voll entfaltet worden sind. Das Projekt Das Technische Bild intendiert hierin seine Zielsetzung: den oft konstatierten konstruktiven Charakter technischer Bilder als deren innere Wirkungsform zu bestimmen. Dies erfordert eine Dynamisierung des Bildbegriffs, der bisher weder methodisch noch inhaltlich adäquat beschrieben wurde. Das Projekt ist von der Überzeugung getragen, dass das kunsthistorische Instrumentarium der Ikonologie, Materialikonografie, Formanalyse und Stilgeschichte, Medienanalyse und Kunstsoziologie auch in Bezug auf jüngere und jüngste Prozesse zum Kern der Konstruktivität naturwissenschaftlicher Bilder vorzustoßen vermag. Methodisch zeichnet sich ab, dass die klassischen kunsthistorischen Instrumentarien der Bildanalyse zusammen mit den bereits entwickelten Ansätzen aus Wissenschaftsgeschichte und Mediengeschichte auch für die Analyse dieser neuen Bildfelder keineswegs obsolet sind, sondern dass aus ihnen vielmehr neue Perspektiven und Forschungsansätze für die Kunstgeschichte entwickelt werden können. Das Vorhaben sieht sich als ein Prüfstein, ob die Kunstgeschichte mit ihren Methoden weiterhin einen unverwechselbaren Beitrag zur historischen Durchdringung gegenwärtig besonders virulenter Problemfelder zu leisten vermag oder ob sie als zweite Archäologie auf den Bereich historischer Produkte der Hochkunst verengt werden wird. In der Regel geben Bilder der Naturwissenschaften die Ergebnisse, die sie darzustellen haben, nicht allein passivisch wieder, sondern sie prägen und erzeugen diese zusätzlich aus ihrer eigenen genuin bildlichen Dimension. Technische Bilder stellen damit einen kulturellen Faktor ersten Ranges dar, werden bislang aber an keinem Ort gesammelt, geschweige denn historisch eingeordnet und analysiert. An diesem Punkt setzt das Projekt Das Technische Bild an. Die Bildfelder der einzelnen Bereiche werden mittels der bereits bestehenden Forschungsdatenbank des Projektes analysiert und zu einem digitalen Bilderatlas zusammengeführt. Dieser beinhaltet ausgewählte Bilder aus den Bereichen Wissenschaft und Technik seit circa 1500 sowie einen bilderschließenden Thesaurus, welcher der Komplexität der Themen gerecht zu werden versucht. Das Vorhaben ist unabdingbar auf eine Bildmasse hin angelegt, wie sie in relativ kurzfristigen Zeiträumen von zwei bis drei Jahren nicht ansatzweise zusammengebracht werden kann. Das Ziel, die Analyse von Bildern im Kontext von Technik und Wissenschaft hinsichtlich ihrer visuellen Formen und ihrer Analysekraft sowie ihrer Überzeugungsstrategien zu untersuchen, ist auf eine kontinuierliche Sammel- und Durchdringungsarbeit angelegt. Sie soll im Anschluss an die bisherige durch die Humboldt-Universität zu Berlin und das Getty Centre (Los Angeles) gewährte Förderung von bisher vier Jahren insgesamt weitere acht Jahre währen. Das Projekt sieht sich insgesamt in einer Reihe mit kunsthistorischen Unternehmungen, wie sie etwa Alois Riegls Spätrömische Kunstindustrie, Heinrich Wölfflins Kunstgeschichtliche Grundbegriffe und nicht zuletzt Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne getragen haben (Riegl 1927, Wölfflin 1915, Warnke 2000). All diese zwischen circa 1890 und 1925 erarbeiteten Vorhaben haben jeweils etwa zwei Jahrzehnte der Vorbereitung beansprucht. Dasselbe gilt für die nicht minder bedeutende, dem avisierten Projekt nahekommende Publikation Ernst Gombrichs, Art and Illusion (Gombrich 1960). Das Projekt, das sich Ergebnisse von entsprechender Relevanz erhofft, erfordert einen ähnlich langen Zuschnitt, der angesichts der mehrjährigen Vorlaufzeit sowie der technischen Möglichkeiten auf einen Zeitraum von acht Jahren zu begrenzen sein sollte. Die Frage nach der Spezifik naturwissenschaftlicher Bilder ist zu einem drängenden Problem der Naturwissenschaften selbst geworden (Ottino 2003). Das Ziel des Projektes liegt darin, nach den Publikationen zu den Einzelprojekten und dem Ausbau und der Differenzierung der forschenden Datenbank eine Summa zur Formspezifik der naturwissenschaftlichen Bildgeschichte in Form einer zusammenfassenden und methodisch klärenden Publikation vorzulegen, welche ein analytisches Instrumentarium für alle Fächer anbietet, die sich jenseits der Bildenden Kunst mit Bildern beschäftigen. Die Hoffnung liegt darin, die Kunstgeschichte als historische Bildwissenschaft, die für die Geschichte der nachantiken Formen der Bildgeschichte zuständig ist, zu bewähren und diesem Fach ein Profil zu geben, das auf die Gegebenheiten der bildtechnologisch hoch gerüsteten Gesellschaften der Gegenwart zu reagieren vermag.


Projektleitung
Bredekamp, Horst Prof. Dr. phil. (Details) (Mittlere und Neue Kunstgeschichte)

Laufzeit
Projektstart: 01/2007
Projektende: 12/2009

Forschungsbereiche
Kunstgeschichte

Zuletzt aktualisiert 2021-08-09 um 15:09