Internationales Symposium "Mythen des Blutes" (Veranstaltung)


,Blut' spielt in sehr unterschiedlichen Disziplinen eine wichtige Rolle, unabhängig davon, ob es sich um die Geschichte der medizinischen Ideen und Entdeckungen zum Blut im Körper handelt (Säftelehre, Blutkreislauf, Genetik) oder um die politischen Auswirkungen von pseudo-biologistischen Theorien zum Blut (Rassenideologien, Eugenik, der Bedeutungswandel des Begriffs 'Blutschande'). Zu den ideologisch-medizinischen Gebieten gehören auch die Vorstellungen verschiedener Epochen zum Menstruationsblut. Daneben wurde auch die metaphorische Bedeutung des Blutes erfasst: das Blut als Metapher für Geld und Kapital (z.B. der Geldkreislauf in Thomas Hobbes` ,Leviathan`), das Blut als Symbol für `Leben` oder als Zeichen für die Unwiderruflichkeit eines Vertrag. Es wurde nach Ritualen und Geboten gefragt, in deren Zentrum das Blut steht (Blutsbrüderschaft, Blutrache, Blutschuld, Initiationsriten, Mensur), ebenso wie die Gesetze, in denen Blut und Blutspuren als Beweis dienen (Verträge, Körperverletzungen, der genetische Fingerabdruck). Untersucht wurden auch Mythen, in denen dem Blut eine heilsame oder unheilvolle Wirksamkeit zugewiesen wird: in der christlichen Passionsgeschichte, den Märtyrerdarstellungen, den Selbstgeißelungen oder bei den Alchimisten. Zu den zu bearbeitenden Feldern gehört auch die Dichotomisierung von Blutsmythen (,gutes Blut`/ ,böses Blut`), die sich teilweise mit den dichotomen Geschlechterbildern der Wissenschaftsgeschichte bzw. mit den konträren Vorstellungen von ,sexueller` und ,geistiger` Fruchtbarkeit decken. Dieser Dichotomisierung entspricht die in einigen Kulturen verbreitete Angst vor dem Menstruationsblut bzw. seine hohe oder niedrige Bewertung - oft im Vergleich zu dem ,guten' Blut etwa der Märtyer.

Es wurde der unterschiedlichen Metaphorik des Blutes in Judentum und Christentum nachgegangen (in der jüdischen Religion das Verbot, Blut zu verzehren bzw. beim Beischlaf mit dem weiblichen Blut in Berührung zu kommen; im Christentum das Heilige Abendmahl/ Transsubstantiationslehre). Diese Unterschiede wurden wiederum wirkungsmächtig im religiösen Antijudaismus wie im rassistischen Antisemitismus. (Ritualmordbeschuldigungen, Hostienschändung, Rassenschande). Vergossenes Blut als Symbol für ,versiegendes Leben' und als Symbol für die überwundene Sterblichkeit spielt nicht nur in der Religion, sondern auch in den Darstellungen von kriegerischer Handlung eine wichtige Rolle. Dasselbe gilt für die lange und wechselvolle Symbolik des Kreuzes, die in allen Religionen vorhanden ist und im Christentum eng mit dem Blut des Erlösers verbunden wurde. Der engen Verbindung zur Gestalt des ,Anti-Christ' verdankt sich wiederum der langlebige Mythos vom Menschenblut verzehrenden Vampir.

Es soll der Rolle des Bluts in den klassischen Medien (Bilderverehrung, blutende Ikonen) ebenso nachgegangen werden wie seiner Rolle in den modernen Medien. In der Literatur erscheinen Tinte und Blut (vergleichbar der Analogie von Kapital und Blut) gelegentlich wie austauschbare ,Säfte', während das Blut im Film (u. a. im sog. Splattermovie) eine Bedeutung annimmt, die sich als Versuch einer ,Vortäuschung von Wirklichkeit' umschreiben ließe: Hier, wie überhaupt im Zusammenhang mit den Bild- und anderen Medien scheint das Blut die Aufgabe zu haben, die Simulationstechnik bzw. das Zeichensystem (Schrift, Filmtechnik, Geld) zu ,verdecken' und ihm den Anschein von eben jener ,Materialität' zu verleihen, die den Zeichensystemen bzw. Simulationstechniken abgeht.

In der Frage und Bedeutungsvielfalt von Blut treffen sich sehr viele Disziplinen: die Wissenschafts- und Medizingeschichte, die Theologie und Rechtswissenschaft, die Sozialwissenschaften sowie die Kultur- und Medienwissenschaften, die Literaturwissenschaft. ,Das Blut' stellt also ein geeignetes Forschungsgebiet zur Herstellung eines transdisziplinären Brückenschlags zwischen den Fächern dar. Angesichts der Fülle der Materialien zu diesem Gebiet ging es bei dieser Tagung darum, einen Überblick über die verschiedenen Aspekte zu geben. An Hand von Einzelbeispielen wurden die Querverbindungen untersucht, die zwischen den Bildern des Blutes in den einzelnen Fachbereichen (z.B. Medizin und Kunst/Literatur oder Theologie und Recht) bestehen und die historische Wirkungsmacht dieser Querbeziehungen aufgezeigt.

Principal Investigators
Braun, Christina von Prof. i.R. Dr. habil. (Details) (Cultural Theory Specializing in Gender Issues and History)

Duration of Project
Start date: 01/2005
End date: 12/2005

Last updated on 2020-14-03 at 23:11