Einsicht: Neurowissenschaftliche Untersuchungen des Einflusses von Wissen auf Wahrnehmung und Bewusstsein


Einige klassische, aber auch hochaktuelle Modelle beschreiben den Prozess der Wahrnehmung als enkapsuliert in dem Sinne, dass dieser nicht durch kognitive Faktoren wie Erwartungen oder Vorwissen beeinflusst werden kann. Andererseits häufen sich die Hinweise darauf, dass sogar rein verbalvermitteltes, abstraktes Wissen einen Einfluss auf perzeptuelle Leistungen haben kann, wie es auch die erste Projektphase gezeigt werden konnte: die Wahrnehmung von Gesichtern und Objekten wird durch Wissen verändert, was erhebliche Konsequenzen für unser Erleben und Verhalten, aber auch für die Beurteilung unserer Umwelt und unsere sozialen Interaktionen haben kann. Über die genauen Mechanismen der Wissenseffekte ist bislang jedoch wenig bekannt und auch hinsichtlich der Frage, ob Wissen nicht nur die Wahrnehmung, sondern bereits den Zugang eines Stimulus zum visuellen Bewusst-sein bzw. dessen Aufrechterhaltung beeinflusst, existiert vergleichsweise wenig direkte Evi-denz. Ziele der zweiten Projektphase sind deshalb zum einen eine genauere Spezifikation von Wissenseffekten in der Wahrnehmung und zum anderen eine Untersuchung der möglichen Einflüsse von Wissen auf das visuelle Bewusstsein. Teilstudie 1 untersucht mit ereigniskorrelierten Potentialen, (1) ob bzw. wie Wissenseffekte durch visuell aus dem Gesicht ableitbare Informationen und Eindrücke über den emotionalen Zustand, die Attraktivität oder die eingeschätzte Vertrauenswürdigkeit des Gesichts moduliert werden, (2) welchen Einfluss als unsicher markierte Gerüchte dennoch auf die Wahrnehmung und Beurteilung von Personen haben und (3) inwiefern die bislang beobachteten Effekte verbal vermittelter Informationen auf Wissen generalisiert werden können, das durch direkte Erfahrung erworben wird. Teilstudie 2 widmet sich dem visuellen Bewusstsein und untersucht unter anderem, ob (1) sozial relevantes Wissen über Personen, das im Langzeitgedächtnis und möglicherweise direkt in der visuellen Erscheinung verankert ist, den Zugang zum visuellen Bewusstsein beeinflusst, (2) ob visuell-semanische Expertise den Zugriff auf das visuelle Bewusstsein erleichtert und (3) welchen Einfluss die Kongruenz zwischen Wissen und visueller Erscheinung auf die bewusste Verarbeitung von Gesichtern und Objekten hat. Insgesamt sollten die geplanten Experimente dazu beitragen, die Grundlagen und Grenzen der Einflüsse von Wissen auf Wahrnehmung und Bewusstsein besser zu verstehen und die theoretische Debatte in beiden Bereichen zu befördern.


Sprecher/in
Abdel Rahman, Rasha Prof. Dr. rer. nat. (Details) (Neurokognitive Psychologie)

Laufzeit
Projektstart: 10/2017
Projektende: 12/2020

Forschungsbereiche
Neurowissenschaften

Zuletzt aktualisiert 2021-04-01 um 17:46