Trauma-Translationen. Inszenierungen und Imaginationen in Film und Theorie


In kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive erkundet das Projekt den Wissenstransfer zwischen, erstens, kulturellen Repräsentationen von Vergangenheit, namentlich filmisch inszenierten Trauma- und Gewaltgeschichte(n), zweitens, der sich wandelnden Trauma-Theorielandschaft und, drittens, Erinnerungspolitik und nationalen Identitätsbildungsprozessen. Konkreter Gegenstand der Untersuchung sind Spielfilme aus unterschiedlichen (trans-)nationalen Repräsentationskontexten und verschiedenen Jahrzehnten des 20. und 21. Jahrhunderts, die historische Traumata, wie z. B. Erster und Zweiter Weltkrieg, Israel-Palästina-Konflikt, Irakkriege, 9/11, inhaltlich und strukturell auszudrücken sowie ästhetisch-narrativ zu gestalten suchen. Das Trauma lässt ein bewusstes Erinnern und eine konkrete und adäquate Repräsentation des Geschehenen zunächst scheitern. Um diese Leerstelle und Absenz herum und trotz derselben bilden sich jedoch vielfältige Bildlichkeiten, wie Alpträume, Geistererscheinungen und Flashbacks, in einer besonderen zeitlichen Struktur der Nachträglichkeit und des Wiederholens aus. Diese ‚traumatische Zeitform‘ lässt Parallelen zu derjenigen des Mediums Film erkennen. Die filmische Erzählung und Ästhetik des Traumas tritt an, um innerliche, psychische Formen der Verletzung und Irritation, des Leids und Schmerzes, die sich körperlich niederschlagen können (Konversion, Performativität), in Filmsprache zu übersetzen. Im Projekt wird sie mithilfe von Analysebegriffen entschlüsselt, die der klinischen Psychologie, Psychoanalyse, Psychotraumatologie sowie kulturwissenschaftlichen Traumatheorien entlehnt sind und die Filmsprache und den filmischen Inhalt selbst prägen (z. B. „Gedächtnisverlust“, „Deckerinnerung“, „Intrusion“, „Krypta“, „passing-on“, „Reenactment“, „Täter-Opfer-Inversion“, „Télescopage“, „traumatic growth“, „Trigger“). Zum einen sollen hierdurch in den ausgewählten Filmen aufscheinende Traumaordnungen und deren Inszenierungen sichtbar gemacht werden. Zum anderen soll der Film als ein Medium kenntlich gemacht werden, das durch seine medienspezifischen Repräsentations-, Analyse- und Deutungsweisen von Trauma ein Surplus, einen symbolischen Überschuss produziert. Dieser Überschuss wird beispielsweise durch ästhetische, narrative oder dramaturgische Mittel wie „Backstorywound“, „Flashback“, Rückblende und Split Screen sichtbar. Oder er kann in imaginären Bildlichkeiten der Heilung, filmisch gefassten ‚kulturellen Pflastern‘ („healing scripts“; E.M. Hunter 2007) bestehen, mithilfe derer kulturell gesehen nicht schließbare, traumatische Wunden überdeckt werden sollen – auf individueller und/oder kollektiver Ebene. Die durch ihre Verfilmung transformierten Traumafigurationen werden in den sozialen Körper rücktransportiert und prägen dessen Selbstverständnis sowie die nationale Geschichtsschreibung, Identitätsbildungsprozesse und Erinnerungskultur. Die im Projekt erarbeiteten besonderen filmästhetischen Verfahren können neue Impulse für die klinische und theoretische Traumaforschung und -therapie sowie Differenzierungen für das konventionelle Wissensfeld Trauma/Traumatisierung liefern.


Sprecher/in
Köhne, Julia Barbara PD PD Dr. (Details) (Historische Anthropologie und Geschlechterforschung)

Laufzeit
Projektstart: 04/2014
Projektende: 06/2021

Forschungsbereiche
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft

Zuletzt aktualisiert 2021-04-01 um 17:45