Gedankenlesen als Kulturtechnik. Eine Genealogie des Imaginären digitaler Medien


Innerhalb der Parapsychologie wird Gedankenlesen als die Fähigkeit bezeichnet, Informationen über die Gedanken von Menschen durch außersinnliche Wahrnehmung zu gewinnen. Mit der Einführung des Begriffs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser jedoch in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Insbesondere ist Gedankenlesen ein Synonym für Technologien und kulturelle Praktiken geworden, die Informationen über die Gedanken oder die Gefühle eines Menschen generieren, speichern und visualisieren. So werden auf dem Gebiet der Informatik Computerprogramme, die auf Gefühle und mentale Zustände von Menschen reagieren, als Apparate zum Lesen von Gedanken bezeichnet. Aber auch Algorithmen, die das Verhalten von Nutzern und Verbrauchern antizipieren, um ihnen maßgeschneiderte Angebote und Dienste anbieten zu können (z.B. in den Anzeigen von Google oder in Amazons "anticipatory delivery"), werden als eine Form von Gedankenlesen beschrieben. Das Projekt verwendet archivbasierte historische Methoden, um die Wechselwirkungen zwischen digitalen Medientechnologien und Kulturtechniken des Gedankenlesens zu untersuchen. Der Zeithorizont erstreckt sich dabei von circa 1880, als sich der Begriff des Gedankenlesens innerhalb der Parapsychologie konstituierte, bis in die 1940er und 1950er Jahre, als Wissenschaftler im Zuge von Kybernetik und Künstlicher Intelligenz begannen, Computerprogramme als "Gedankenlesemaschinen" zu schreiben. Durch die Analyse des Gedankenlesens als einer Kulturtechnik, die bestimmte Praktiken und Technologien im Bereich der Informatik und der digitalen Medien lange vor deren begrifflicher Ausformulierung stabilisierte, leistet das Projekt einen Beitrag zur Genealogie der "neuen" digitalen Medien. Zentral geht es dabei um die Erforschung sowohl der Beziehungen zwischen digitalen Medien und der Phantasie wie der Auswirkungen von okkulten Theorien und Wissensformen auf die modernen und zeitgenössischen Gesellschaften. Das Projekt situiert sich mit seinem interdisziplinären Ansatz am Kreuzungspunkt von Medienwissenschaft, Informatik, Wissenschafts- und Kulturgeschichte.


Sprecher/in
Kassung, Christian Prof. Dr. phil. (Details) (Kulturtechniken und Wissensgeschichte)

Laufzeit
Projektstart: 05/2016
Projektende: 09/2022

Forschungsbereiche
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft

Zuletzt aktualisiert 2021-04-01 um 17:43