Tagung "Konzil und Frieden", 15.-17. September 2016 in Berlin


Konzilien bzw. Synoden sind seit den ersten Jahrhunderten des Christentums privilegierte In-stitutionen der kirchlichen Leitung und Entscheidungsfindung, auf denen verbindliche Rege-lungen sowohl bezüglich des kirchlichen Lebens, der Organisation der Kirchen und nicht zu-letzt der Lehren und Dogmen des Christentums gefällt wurden. Sie repräsentieren das kolle-giale Element der Kirche, komplementär zum monarchischen des Bischofsamts. Als überregi-onale Formen kollegialer Kirchenleitung trugen und tragen Konzilien wesentlich zur Identität des kirchlich verfassten Christentums bei. Ihre eminente Aktualität zeigt sich sowohl in der anhaltend rasanten Fortwirkung des II Vatikanums wie im derzeitigen Versuch des Patriar-chen Bartholomaios von Konstantinopel, nach über 1000 Jahren wieder ein Allgemeines Konzil der orthodoxen Kirche zusammenzuführen. Die sog. Ökumenischen Konzilien, zu denen sich Vertreter der gesamten über den Erdkreis verstreuten Kirche versammelten, gelten als markante und höchstverbindliche Äußerungen des kirchlichen Lehramts. Eine einseitige Wahrnehmung von Konzilien als Beschlussorgane für die Festlegung verbindlicher Glaubensformeln (Dogmen) würde jedoch ihrem breiten Einfluss und ihrer mehrfachen Funktion nicht gerecht werden. Konzilien waren nicht nur Beratungsgremien für höchstrichterliche Entscheidungen oder internationale Gelehrtenversammlungen, sondern engagierten sich immer auch für die Verbesserung des kirchlichen Lebens und die Behebung von Missständen (reformatio). Als privilegierte Instrumente der häufig beschworenen Kirchenreform erheben. Konzilien gewissermaßen einen Totalanspruch religiös-gesellschaftlicher Normierung und Regelung. Man kann sie daher als Verdichtungen und „Knotenpunkte“ (K. Schatz) kirchlichen Handelns und kirchlicher Selbstdarstellung beschreiben. Ihr Einfluss reichte aber weit über die verabschiedete Gesetze und Lehrsätze hinaus: Als Foren der Konsensfindung unter den kirchlichen Eliten (Bischöfen, Papsttum, höherer Klerus, theologische Experten) waren Konzilien von Beginn an mit der Lösung von Konflikten innerhalb einzelner Kirchen und unter konkurrierenden christlichen Gemeinden und Gruppierungen konfrontiert. Bereits die erste überlieferte Synode, das sog. Apostelkonzil (Apg 15), sah sich zwei konkurrierenden Gruppen gegenübergestellt, den gesetzestreuen Judenchristen und den gesetzeskritischen Vertretern einer universalen Heilsbotschaft, die in den ersten Jahren die Einheit des jungen Christentums bedrohten. Mit einem weisen Kompromiss gelang es damals, die Einheit der jungen Kirche trotz gravierender Meinungsverschiedenheiten zu bewahren. Als sich ab dem vierten Jahrhundert im Zuge der Konstantinischen Wende das Christentum allmählich zur Staatsreligion wandelte, bedienten sich die Kaiser ebenfalls reichsweiter Konzilien, abgehalten im Stile kaiserlicher Beratungsgremien, um die fragile Einheit der Kirchen und des christlichen Glaubens zu bewahren, Religionskonflikte zu entschärfen und damit zugleich Einheit und Frieden der gesamten res publica romana zu gewährleisten. Theologisch-religiöse und politisch-soziale Agenden waren daher schon auf den alten Konzilien nicht zu trennen. Die ältere Konzilienforschung hat v.a. die Bedeutung der Konzilien als Orte der Klärung dogmatischer Kontroversen sowie als Gesetzgebungs- und Rechtssprechungsinstanz unter-sucht. Erst in jüngerer Zeit werden Konzilien verstärkt auch als Faktoren sozialgeschichtli-chen und politischen Wandels wahrgenommen, deren Abhaltung, personale Zusammenset-zung, politische Vernetzung und nicht zuletzt deren Verhandlungsgegenstände gesellschaftli-che Realitäten abbildeten und gesellschaftliche Transformationsprozesse begleiteten. Ohnehin überschreitet die jüngere Forschung die Trennlinien. Man beginnt, vor allem die Konzilien des Mittelalters in ihrer Bedeutung als Foren und Kongress für die politischen und intellektuellen Eliten Europas zu betrachten und sie mittels kultur- und ritualgeschichtlicher Konzepte zu untersuchen. Zusehends wird es üblich, sie mit weltlichen Versammlungen (Reichstage, Etats, Parliaments, Cortes etc.) funktional und strukturell zu vergleichen und sie einer allgemeinen europäischen „Versammlungsgeschichte“ zu integrieren. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das Thema „Konzil und Frieden“ an Relevanz, inso-fern Konzilien gerade auch als politische Akteure gesehen werden, die sich aufgrund ihrer überregionalen und repräsentativen, aber auch inhomogenen Zusammensetzung, und nur okkasionell verfügbaren Kompetenz als Vermittler und neutrale Entscheidungsinstanz anboten. Konzilien erweiterten damit grundlegend das Repertoire herkömmlicher Diplomatie. Wenn sich die Berliner Tagung dem Thema „Konzil und Frieden“ zuwendet, so will sie nicht nur innerkirchliche Konflikte und deren Beilegung mittels Konzilien beleuchten; sondern der Blick soll vor allem auf die Schnittstellen von Politik und Religion gerichtet werden: wenn Konzilien etwa Friedensschlüsse zwischen Papst und Kaiser aushandelten und ratifizierten, oder wenn sich Konzilien als unabhängige Friedensvermittler zwischen verfeindeten Staaten, Fürsten, Städten oder gesellschaftlicher Gruppen anboten und als solche agierten. Neben der Erhebung unterschiedlicher Formen von konziliarer Friedenspolitik im Laufe der Geschichte gilt es dabei die Parameter und Dynamiken gelungener Konfliktlösung zu un-tersuchen, die selbst wiederum ein bezeichnendes Licht auf die jeweilige prozedurale Gestalt von Konzilien werfen können. Es geht also sowohl um die Analyse von Aushandlungsprozes-sen bei Konflikten auf dem Konzilsforum selbst (Mehrheitsentscheidungen etc.) als auch von deren pazifierungsrelevanten Zielorten, die außerhalb des Konzils lagen. Welches waren die Voraussetzungen für ein konziliares Friedensengagement? Von wem gingen die Initiativen aus? Welcher politischen Kommunikation, welcher diplomatischen Methoden und Instrumen-te bediente man sich auf den Konzilien? Wie flexibel waren die konziliaren Diplomaten, mit welchem Anspruch traten sie auf? Welchen Stellenwert besaßen Friedensverhandlungen in-nerhalb der gesamten Konzilsagenda und welche etwaigen Risiken (etwa Konflikte mit Fürs-ten) war man bereit einzugehen? In welcher Art und Weise, in welchen prozeduralen Dispositiven wurden Friedensverhandlungen vorbereitet, begleitet, analysiert? Welche Rhetorik (theologisch, juristisch, philosophisch) kam dabei zum Einsatz? Welches waren die politischen, gesellschaftlichen und mentalen Faktoren gelungener Friedenspolitik, bis zu welchem Grad lassen sich diese generalisieren? Welche Rolle spielten einzelne Gruppen (Papst, Fürsten, Kardinäle, Nationen, etc.) bzw. individuelle Konzilsväter bei Friedensmissionen? Welche versöhnende Qualität erreichten konziliare Friedensschlüsse und wie nachhaltig waren sie? In diesen Fragen steckt hohes Innovationspotenzial für die Forschung. Die Tagung möchte zum einen eruieren, in welcher Intensität Friede in den unterschiedlichen geschichtlichen Epochen als Konzilsaufgabe und Konzilszweck identifiziert wurde und vor welchem politi-schen und ekklesiologischen Hintergrund man sich hier bewegte. Zum anderen lohnt es sich zu fragen, welche Kompromissbereitschaft vorhanden war, oder anders gesagt, welchen Stel-lenwert politische Pragmatik vor eventuellen theologischen oder Glaubensüberzeugungen hatte. Es geht mithin auch um die Bedingungen politischen Handelns überhaupt. Die Tagung verbindet dabei theologische, historische und rechtsgeschichtliche Fragen und Methoden. Das Thema ist nicht nur ein Forschungsdesiderat, sondern auch von hoher politi-scher Aktualität in der Gegenwart. Es wird auf dieser Tagung erstmals in dieser zeitlichen Breite (von der Alten Kirche bis zum II. Vatikanum) und in dieser Komplexität der Fragestel-lungen untersucht. Als Ertrag der Tagung erwarten wir uns zum einen ein vertieftes Bewusstsein für die frie-densstiftende Rolle kirchlichen Handelns, indem eine lange, zum Teil vergessene Tradition konziliaren Agierens freigelegt wird. Zum anderen sollen mit der Reflexion über die Möglich-keiten der Friedensstifung epochenübergreifende Strukturen und Transformationen heraus-gearbeitet werden, in denen das Selbstverständnis der konziliaren Verfassung der Kirche und ihres konziliaren Lebens neu bewusst wird. Die drei Veranstalter, der Mediävist Johannes Helmrath (HU Berlin, Sprecher des SFB ‚Transformationen der Antike‘) und die Theologen Thomas Prügl (Universität Wien) und Jo-hannes Grohe (Università del Sacro Cuore, Rom) forschen und publizieren seit Jahrzehnten über Geschichte der Konzilien, sie sind international renommiert und vernetzt. Bei den 19 Referenten handelt es sich um eine international hervorragend ausgewiesene interdisziplinäre, in ihrer breite und Qualität bislang singuläre Gruppe von Konzilsforschern aus sechs europäischen Ländern sowie aus Nord- und Südamerika, die als Historiker, Theologen und Rechtshistoriker die entsprechend fruchtbaren disziplinären Perspektiven generieren. Entsprechend breit ist das Spektrum der Konferenzsprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Die Tagung ‚Konzil und Frieden‘ bildet also ein überzeugendes Beispiel globaler Wissenschaftskooperation. Der Tagungsstandort Berlin bildet mit seinen Universitäten, Forschungsinstituten und -projekten einen optimalen Standort. Die Kooperation zwischen philosophischer Fakultät (Institut für Geschichtswissenschaft) und theologischer Fakultät der Humboldt-Universität ist erfolgreich angebahnt. Mit zahlreichem Publikum aus Berlin und von auswärts ist zu rechnen. Die Sichtbarkeit der Tagung wird durch den öffentlichen Abendvortrag verstärkt.


Projektleitung
Helmrath, Johannes Prof. Dr. (Details) (Europäische Geschichte des Mittelalters Schwerpunkt Spätmittelalter)

Mittelgeber
Fritz Thyssen Stiftung

Laufzeit
Projektstart: 09/2016
Projektende: 09/2016

Zuletzt aktualisiert 2022-22-11 um 04:05