Die Typologie von Kumulativität

Sätze mit Pluralausdrücken können in einer Reihe von Situationen wahr sein: Der Satz {\it Zwei Buben füttern zwei Katzen} zum Beispiel ist wahr, wenn Bub 1 und Bub 2 jeweils zwei Katzen füttern, aber auch, wenn Bub 1 nur Katze 1 füttert und Bub 2 nur Katze 2. Damit unterscheidet sich dieser Satz in seinen sogenannten `Wahrheitsbedingungen' von dem Satz `Jeder Bub füttert zwei Katzen', der im zweiten Fall falsch ist (auch, wenn es nur zwei Buben gibt). Das Projekt will herausfinden, wie solche Wahrheitsbedingungen von Pluralsätzen zustandekommen.

Aber warum ist das interessant? Letztlich wolllen wir ja die menschliche `Sprachfähigkeit' verstehen (also z.B.: Wieso können wir Sätze unserer Muttersprachen verstehen, auch wenn wir ihnen vorher nie begegnet sind?) -- und dazu müssen wir auch untersuchen, was überhaupt Bedeutungen für Ausdrücke menschlicher Sprachen sein können (z.B.: Was genau ist die Bedeutung von `jeder' oder `zwei'?) und was die Mechanismen sind, mittels der wir die Bedeutungen kleinerer Teile (z.B. `zwei, Katzen') zu Bedeutungen größerer Teile (z.B. `zwei Katzen') zusammensetzen. Pluralsätze sind innerhalb dieser übergeordneten Fragestellung besonders relevant, da sie von unserer Bedeutungstheorie noch nicht gut erfasst sind. Was intuitiv bei unserem obigen Pluralsatz zu geschehen scheint, ist, dass wir parallel Buben und von ihnen gefütterte Katzen zu Gruppen `zusammenfassen'. Unklar ist aber, wie genau dieser Mechanismus funktioniert und was genau wir `zusammenfassen' -- wollen wir zum Beispiel nur Katzen zu Gruppen `zusammenfassen' oder auch Eigenschaften des Katzen-Fütterns? Finden wir dieses Phänomen nur bei nominalen Pluralausdrücken wie `zwei Katzen'? Oder auch bei anderen Ausdrücken, wo wir intuitive Dinge `zusammenfassen' (z.B. bei `tanzen und singen')? Und wie unterscheiden sich die Bedeutungen von Ausdrücken, die ein solches `Zusammenfassen' erlauben, von den Bedeutungen jener Ausdrücken, die das auf den ersten Blick nicht tun (z.B. `jeder Bub')?

Es gibt in der Semantik (die sich mit der Bedeutung von natürlicher Sprache beschäftigt) dazu unterschiedliche Hypothesen, die aber anhand einer einzelnen Sprache wie Deutsch kaum zu unterscheiden sind -- auch darum, weil es immer die Möglichkeit gibt, dass eine Sprache auch Elemente enthält, die nicht `ausgesprochen' werden. Allerdings machen die verschiedenen Hypothesen unterschiedliche Vorhersagen für sprachübergreifende Muster (z.B: Würde man annehmen, dass Deutsch ein `stilles' Element enthält, das einen Beitrag zur Bedeutung von Pluralsätzen macht, dann würde man erwarten, dass dieses Element in manchen Sprachen `sichtbar' ist). Deshalb untersucht das Projekt die Vorhersagen der unterschiedlichen Hypothesen sprachübergreifend. Dabei verwenden wir die öffentlich zugängliche, neu entwickelte Terraling-Datenbank: Hier kann man Fragen formulieren, zu denen LinguistInnen dann Daten aus ihren jeweiligen Muttersprachen bereitstellen.

Projektleitung
Schmitt, Viola Dr. (Details) (Allg. u. germanistische Sprachwiss.: Semantik u. Pragmatik (J))

Beteiligte Organisationseinheiten der HU

Mittelgeber
Sonstige internationale öffentliche Mittelgeber

Laufzeit
Projektstart: 10/2020
Projektende: 01/2023

Forschungsbereiche
Sprachwissenschaften

Forschungsfelder
Semantik

Zuletzt aktualisiert 2020-30-10 um 13:00