Nachhaltige Entwicklung von unten? Die Gemeinwohl-Ökonomie zwischen utopischen Visionen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und basisdemokratischen Entscheidungen

In der gegenwärtigen Gesellschaft lassen sich neben der zunehmenden technischen Entwicklung und des ökonomischen Wohlstands auch eine steigende soziale und globale Ungleichheit bei voranschreitender Umweltzerstörung und ein Verlust an gesellschaftlichem Vertrauen und sozialem Zusammenhalt feststellen. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die durch das Engagement von ehrenamtlich Aktiven in Regionalgruppen einen basisdemokratischen Prozess zur sozial-ökologischen Transformation des Wirtschaftssystems anstoßen will. Als Manifest der Bewegung gilt das 2010 von Christian Felber entwickelte alternative Wirtschaftsmodell, das die Mehrung des Gemeinwohls anstelle der Mehrung des individuellen Kapitals anstrebt. Ziel der GWÖ ist die Etablierung eines neuen – wenn auch ideengeschichtlich alten – „contrat social“ (Rousseau).
In dem Forschungsvorhaben werden am Beispiel der GWÖ die sozialen Praxen der Aushandlung und Vermittlung des alternativen Wirtschaftsmodells in der konkreten Interaktion mit wirtschaftlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren untersucht, die entstehenden Konflikte auf der Mikroebene differenziert und eine mögliche transformative Wirkung auf Alltags-, Wirtschafts- und Wissenschaftskulturen beleuchtet. Mit der empirisch fundierten kulturanthropologischen Wissensforschung als Forschungsperspektive wird das GWÖ-Konzept als kulturell orientierendes Wissen gefasst. Die GWÖ wird dabei auf drei verschiedenen Untersuchungsebenen betrachtet: Auf der diskursiven Ebene werden die verwendeten Wertbegriffe in ihren historischen Bezügen erforscht, ihre Parallelen zu wirtschaftsethnologischen und wirtschaftsethischen Konzepten und gegenwärtigen Überlegungen zu Reziprozität und Gabentausch betrachtet und Gemeinsamkeiten mit aktuellen alternativen Wirtschaftskonzepten erfragt sowie die Kritikpunkte an dem GWÖ-Konzept analysiert. Auf der Ebene der kollektiven Mobilisierung wird die GWÖ als eine soziale Bewegung gefasst, wobei zum einen der Prozess der Legitimierung alternativ-wirtschaftlichen Wissens in der Interaktion mit externen politischen und wirtschaftlichen Akteuren herausgearbeitet wird. Zum anderen werden interne Konflikte bei basisdemokratischen Entscheidungsprozessen untersucht. Auf der Ebene der alltäglichen Aushandlungen werden die Wissenspraxen der verschiedenen Akteure in den unterschiedlichen Kontexten und Situationen betrachtet. Mit einem besonderen Blick auf Übersetzungsprozesse wird hinterfragt, wie das Wissen lokal eingebettet und kommuniziert wird, wie dabei Validität hergestellt und Kohärenz erzeugt werden und welche transformative Wirkung auf Werte und Verhaltensweisen erreicht werden kann. Mit den empirischen Ergebnissen aus dem Forschungsprojekt sollen die theoretischen Konzepte zum wirtschaftlichen Handeln erweitert und neue Wirtschafts- und Lebensweisen als Möglichkeitsform entworfen werden.

Projektleitung
Kühn, Cornelia (Details) (Europäische Ethnologie I)

Mittelgeber
DFG: Eigene Stelle (Sachbeihilfe)

Laufzeit
Projektstart: 05/2019
Projektende: 04/2022

Forschungsbereiche
Ethnologie und Europäische Ethnologie

Forschungsfelder
Nachhaltigkeit

Zuletzt aktualisiert 2020-07-09 um 10:01