Der Migrationshintergrund: Herstellung und gesellschaftliche Realität einer wissenschaftlichen Kategorie

Im Jahr 2005 wurden 17 Fragen zur Migration in die deutsche Repräsentativstatistik, den Mikrozensus, aufgenommen. Aus den Fragen zur Migration wird der Migrationshintergrund abgeleitet. Sie machen auch Nachfahren von Eingewanderten in der Repräsentativstatistik sichtbar, so dass sie seitdem zu den Personen mit Migrationshintergrund zählen, selbst wenn sie mit deutscher Staatsangehörigkeit in Deutschland geboren sind.
Bisher existieren kaum Studien, die sich mit der Einführung, Umsetzung und Folgen der neuen statistischen Kategorie beschäftigen. Um diese Lücke zu schließen, beschäftigt sich das Projekt mit der Einführung und Herstellung des Unterscheidungsmerkmals Migrationshintergrund und erkundet seine Auswirkungen im Alltag. Das Vorhaben lässt sich an der Schnittstelle von vier Forschungsfeldern verorten. Dazu gehören: 1) die ethnologische Beschäftigung mit Klassifikationssystemen, 2) wissensanthropologische und postkoloniale Untersuchungen zur Verbindung von Wissenschaft, Politik und Alltag, 3) Science and Technology Studies und 4) Forschungen zu nationalen und ethnischen Zugehörigkeiten. Diese vier theoretischen Bezüge sollen durch fünf empirische Zugänge miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Vorgesehen sind a) Feldforschungen in statistischen Ämtern als Produktionsstätten von Klassifikationen, b) Interviews mit Parlamentarier_innen, Verantwortlichen in Ministerien und statistischen Ämtern zur Entstehung und Weiterentwicklung der Mikrozensusfragen, c) Überblick über Definitionen des Migrationshintergrundes in ausgewählten wissenschaftlichen Disziplinen, d) mental maps zu deutscher Zugehörigkeit und Herkunft, e) Interviews mit in Deutschland Geborenen, die der sogenannten Zweiten oder Dritten Zuwanderungsgeneration zugerechnet werden sowie Personen ohne Migrationshintergrund.
Die Ergebnisse sollen die Auswirkungen von Wissenschaft auf den gesellschaftlichen Alltag verdeutlichen. Dabei soll der Anspruch einer kritisch involvierten Ethnografie eingelöst und zu einer stärkeren Reflexion statistisch generierter Personenklassifikationen angeregt wird.

Sprecher/in
Will, Anne-Kathrin Dr. (Details) (Europäische Ethnologie - moderne Stadt- und Popularkulturen)

Beteiligte Organisationseinheiten der HU

Mittelgeber
DFG: Eigene Stelle (Sachbeihilfe)

Laufzeit
Projektstart: 03/2019
Projektende: 02/2022

Forschungsbereiche
Ethnologie und Europäische Ethnologie

Zuletzt aktualisiert 2020-07-09 um 10:04