Gefühl – Emotion – Stimmung. Phänomenologische und pädagogische Perspektiven.
5. Internationales Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft

Gefühle, Emotionen und Stimmungen sind in Prozessen und Praktiken des Lernens, des Erziehens, des Unterrichtens, der Bildung und Sozialisation omnipräsent. Neugier, Begeisterung, Überraschung oder Wut, Verzweiflung, Zorn, Enttäuschung, Angst, Neid, Scham, Eifersucht, Empörung sowie Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit gelten über alle Ansätze und Disziplinen hinweg als zentrale Momente einer lernenden und bildenden Erfahrung in Auseinandersetzung mit sich selbst, mit Anderen und der Welt. Seit ca. 15 Jahren werden im Zuge des sog. emotional turn in der Philosophie (Nussbaum 2001, Dämmerling und Landweer 2007), den Neurowissenschaften (Damasio 2007), der Geschichte (Plamper 2012), der Soziologie (Senge und Schützeichel 2013) und in der Anthropologie (Frevert und Wulff 2014), aber auch in der Pädagogik (Reichenbach und Maxwell 2007, Schäfer/Thompson 2009, Seichter 2007, Huber und Krause 2018) als ‚vergessene Zusammenhänge‘ wiederentdeckt. Die Phänomenologie und die phänomenologische Erziehungswissenschaft aber hat seit ihrem Beginn vor über 100 Jahren wichtige Beiträge zu einer qualitativen, prägnanten und gehaltvollen Beschreibung und Bestimmung von Gefühl, Emotion und Stimmung formuliert – man denke an Schelers Untersuchungen zur „Grammatik der Gefühle“, Copeis „fruchtbare Momente im Bildungsprozess“, Sartres Studie zum Ekel, Heideggers und Bollnows Existenzialphänomenologie der Stimmungen, Plessners Analysen zu Lachen und Weinen sowie an Bucks „negative Erfahrungen“ oder Meyer-Drawes Studien zum Zusammenhang vom Gefühl und Leiblichkeit.
Im Unterschied zur phänomenologischen Bewegung galten Gefühle, Emotionen und Stimmungen im 20. Jh. als Widerpart zu Vernunft, Rationalität und des Diskurses. Ihnen wurde als Folge des logozentrischen Dualismus keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Insbesondere in pädagogischen Zusammenhängen galten sie als Störung rationalitäts- und kompetenzzentrierter Bildung und Erziehung. Auch hier wurden sie bestenfalls übergangen. Meistens aber wurden sie in den Dienst einer vermeintlich höheren Vernunft, Rationalität oder Urteilskraft gestellt, diszipliniert und unterworfen. So wurden sie weder in ihrer Eigenlogik noch in ihrer grundlegenden Bedeutung für Bildung, Lernen, Erziehung und Unterricht (an-)erkannt. Dabei können die Philosophie und die Pädagogik gleichermaßen auf eine lange Tradition zurückblicken, in der die Beschäftigung mit Emotionen eine hohe Relevanz hat. Bei den „Alten“ in Philosophie (Aristoteles, Platon, Seneca, Spinoza, Nietzsche) und Pädagogik galten Gefühle, Emotionen und Stimmungen als selbstverständliche Voraussetzungen und bedeutsame Bestandteile des Verhältnisses zu sich, zu Anderen und zur Welt. So in der Pädagogik des 18. und 19. Jahrhunderts, etwa bei Rousseau (amour de soi, amour propre, pitié) und Pestalozzi (pädagogische Liebe), bei Schiller (ästhetische Bildung) und bei Herbart (pädagogischer Takt).
Gefühle, Emotionen und Stimmungen sind schwer zu erschließen. Als besondere Herausforderung für ihre Erforschung gelten ihre Flüchtigkeit, Uneindeutigkeit, Subjektivität und ihre Unberechenbarkeit, aber auch ihr Überwältigungs- und Widerfahrnischarakter sowie ihre Beharrlichkeit. Sie sind implizit strukturiert und lassen
eine diskursive Bestimmung erst ex-post möglich werden. Ungeklärt sind nach wie vor die begrifflichen und kategorialen Unterscheidungen zwischen diesen Phänomenen, ihr epistemologischer Status, ihre Genese und die Methoden und Methodologien sowie die Ziele ihrer Erforschung. Gestritten wird vor allem über das Verhältnis zwischen Emotion, Kognition und Körper bzw. Leiblichkeit sowie über ihre Kulturalität und Situativität bzw. Universalität (Ekman 2004).
Phänomenologische Ansätze zur Erforschung von Gefühlen, Emotionen und Stimmungen können hier wichtige Differenzierungen einführen. Phänomenologische Analysen zeichnen sich dadurch aus, dass erstens der eurozentrische Dualismus von Körper und Geist bzw. Leidenschaft und Kognition unterlaufen und verabschiedet wird, dass zweitens die leiblichen und sozialen Dimensionen hervorgehoben und drittens die 2 intentionalen Korrelate von Gefühlen und Emotionen sowie viertens die besonderen Relationen zu anderen und zur Welt in Stimmungen unterschieden werden können. Fünftens kommt der Prozess-, Akt- und Erlebnischarakter sowie sechstens die Passivität und Verletzlichkeit in ihrer Erfahrung in den Blick.
Die Phänomenologische Erziehungswissenschaft hat vor diesem Hintergrund die Perspektive auf eine Bildung der Gefühle und eine Bildung durch Gefühle eröffnet (Stenger 2012), die sich einer Logik der Optimierung der Regulation und Normalisierung widersetzt. Damit kann der häufig in biologischen, medizinischen und psychologischen Modellen dominierende Dualismus zwischen einem raumlosen Inneren der Gefühle und einem sichtbaren Verhalten, das heißt zwischen einem inneren Geist und einem sichtbaren Körper produktiv überwunden werden. Zum anderen können mit der phänomenologischen Intentionalitätstheorie wichtige Differenzierungen eingeführt werden. Eine phänomenologische Pädagogik der Gefühle kann auf dieser Grundlage Emotionen, Gefühle und Stimmungen als bedeutsame und unverzichtbare Grundlagen und Vollzugsmodi von Bildung, Lernen, Erziehung im Unterricht ausweisen. Sie kann ihre jeweilige Besonderheit und Erlebnisqualität für pädagogische Prozesse beschreibbar und analysierbar zu machen. Eine Bildung durch Gefühle kann durch eine Perspektive auf die Bildung der Gefühle erweitert werden – verstanden als eine Kultivierung und Übung von Gefühlen, Emotionen und Stimmungen in ihrer jeweiligen Spezifität.
Für das diesjährige Symposion werden Beiträge erwartet, die die Phänomenologie und die Pädagogik der Gefühle, Emotionen und Stimmungen
- in genetischer, leiblicher, sozialer, räumlicher oder temporaler Analyse entfalten
- in historischer, anthropologischer, philosophischer, neurowissenschaftlicher oder sozialwissenschaftlicher Perspektive untersuchen,
- theoretisch, kategorial oder empirisch unterscheiden, differenzieren und beschreiben,
- bildungs-, erziehungs- oder lerntheoretisch begründen,
- in spezifischen pädagogischen Feldern oder Bereichen ausweisen und untersuchen,
- in didaktischen Kontexten und in Feldern der Professionalisierung ausweisen.

Projektleitung
Brinkmann, Malte Prof. Dr. (Details) (Allgemeine Erziehungswissenschaft)

Mittelgeber
DFG: Sonstiges

Laufzeit
Projektstart: 04/2019
Projektende: 04/2019

Forschungsbereiche
Allgemeine und Historische Pädagogik

Zuletzt aktualisiert 2020-17-11 um 10:52