ADAPTIV: ADaptionsziele bei PerTurbierten FrikatIVen

Ziel des Projekts ist die Untersuchung von Lautrepräsentationen von SprecherInnen durch auditive Perturbation.
Lautrepräsentationen wurden in der Literatur als entweder artikulatorisch oder akustisch geprägt charakterisiert. Argumente für artikulatorische Repräsentationen wurden etwa im Sprachwandel gefunden. In der hochdeutschen Lautverschiebung beispielsweise fand ein Lautwandel statt, bei dem /t/ zu /s/ verschoben wurde. Innerhalb dieser Phase muss es eine Zeit gegeben haben, während derer die SprecherInnen /t/ und /s/ als „dasselbe“ akzeptiert haben. Akustisch sind die beiden Laute völlig unterschiedlich, artikulatorisch sind sie allerdings sehr ähnlich; sie unterscheiden sich nur um einige Millimeter in der vertikalen Zungenposition. Aus Beobachtungen wie dieser wurde geschlussfolgert, dass SprecherInnen artikulatorische Lautrepräsentationen haben, dass sie also, wenn sie sprechen, eine bestimmte artikulatorische Konfiguration anstreben. Das akustische Resultat wäre demnach zweitrangig.
Zahlreiche Untersuchungen, einschließlich unseren eigenen, ziehen diese Annahme aber in Zweifel. In der ersten Antragsphase haben wir russische Vokale auditiv perturbiert. Dabei produzieren die Versuchspersonen (VP) einen Laut, der akustisch manipuliert wird, und dann über Kopfhörer in Echtzeit zurückgespielt wird. Die Manipulation bestand darin, dass der zweite Formant angehoben oder gesenkt wurde. Die VP kompensierten in unserer Studie mehrheitlich: Bei angehobenem zweiten Formanten änderten sie ihre Artikulation so, dass der zweite Formant gesenkt wurde. Bei abgesenktem zweiten Formanten artikulierten sie so, dass der zweite Formant angehoben wurde. Dabei nutzten die VP abhängig von der Richtung der Perturbation zwei artikulatorische Konfigurationen für denselben Laut. Dieses Ergebnis spricht für akustische Lautrepräsentationen.
Das gleiche Experiment haben wir auch mit Sibilanten durchgeführt, dabei wurde der Center of gravity verschoben. Hier erhielten wir aber ein völlig anderes Bild. Die VP adaptierten nur in eine Richtung. Unabhängig davon, ob nach oben oder unten verschoben wurde, adaptierten die Probandinnen und Probanden entweder in beiden Fällen mit Absenken des Center of gravity oder in beiden Fällen mit Anheben desselben.
Ziel der Forsetzungsphase ist zu untersuchen, ob die Unterschiede zwischen Konsonanten und Vokalen auf unterschiedliche Lautrepräsentationen zurückzuführen sind. Da die Adaption von Sibilanten sehr anspruchsvoll ist, können wir uns alternativ vorstellen, dass die Probandinnen und Probanden die Adaption noch nicht beendet hatten. Eventuell haben sie unterschiedliche artikulatorische Strategien verwendet, die sich aber (durch die Vielzahl an artikulatorischen Parametern, die bei Sibilanten angepasst werden müssen) nicht in unterschiedlichen akustischen Resultaten äußert. Zur Untersuchung der artikulatorischen Strategien werden wir artikulatorische Daten aufnehmen und auswerten (elektromagnetische Artikulographie).

Projektleitung
Brunner, Jana Dr. phil. (Details) (Sprachwissenschaft des Deutschen: Phonetik / Phonologie)

Mittelgeber
DFG: Sachbeihilfe

Laufzeit
Projektstart: 09/2018
Projektende: 02/2020

Forschungsbereiche
Sprachwissenschaften

Forschungsfelder
Phonetik

Publikationen
Klein, E., Brunner, J. & Hoole, P. (2019). The relevance of feedback for consonant production: the case of fricatives. Journal of Phonetics (77).
Klein, E., Brunner, J. & Hoole, P. (2019). Spatial and temporal variability of corrective speech movements as revealed by vowel formants during sensorimotor learning. Speech production and perception: Learning and memory. Peter Lang. p. 77-107.

Zuletzt aktualisiert 2020-01-06 um 19:38