Symbolische Konflikte und Legitimationsstrategien. Zum Verhältnis von literarischem Diskurs und soziopolitischen Veränderungen im frühen XVI. Jahrhundert (insbesondere bei Guillaume Budé, Clément Marot und Marguerite de Navarre)

Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, literarische Diskurse der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter dem Aspekt ihrer Interaktion mit der symbolischen Dimension der soziopolitischen Ordnung zu untersuchen. Ausgehend davon, dass die Literatur der französischen Renaissance keine Autonomie gegenüber anderen Diskursen (Religion, Politik u.ä.) besaß und dass ihr Selbstverständnis sich nicht auf ihre ästhetischen Aspekte beschränkte, soll sie als Selbstbeschreibung (nach dem Begriff von N. Luhmann) bestimmter gesellschaftlichen Gruppen und zugleich als Positionierung in Konflikten um die symbolischen Machtordnungen betrachtet und analysiert werden.


Einerseits werden pragmatisch ausgerichtete Textsorten Guillaume Budés und Clément Marots im Hinblick auf ihre symbolischen Implikationen analysiert. Dabei werden Diskursstrategien herausgearbeitet und als rhetorische Verfahren der Selbstlegitimation interpretiert bzw. als Versuch, neue diskursive, soziale und ideologische Positionen innerhalb veränderter Machtdispositive zu besetzen und durchzusetzen. Dabei wird sich die komplexe, heterogene Struktur der Werke Budés als konstitutiv für die rhetorische Modellierung des humanistischen Diskurses erweisen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen hierfür die Werke, in denen sich die Verstrickung des Literarischen mit dem Politischen am deutlichsten zeigt (vor allem De l institution du prince, De Philologia und De studio literarum). Bei Clément Marot, der durch seine Dichtung seine gesellschaftliche Funktion zu sichern und zugleich einen Spielraum für die Entfaltung eines eigenen poetisch-religiösen Diskurses zu gewinnen versucht, wird zu analysieren sein, in welchem Maße die inszenierte Dialogizität seiner Poesie den pragmatischen Rahmen bildet, in dem er die spirituelle Dimension seiner Poetik mit ihren satirisch-politischen, aber auch höfisch-galanten oder autobiographischen Aspekten integrieren kann.


Komplementär untersucht ein zweiter Teil narrative Werke als Inszenierung und Reflexion symbolischer Wertesysteme auf der Folie soziopolitischer Veränderungen: Hauptgegenstand dieser systematisch angelegten Analyse historischer Semantik ist das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Referenzdiskurse im Heptaméron von Marguerite de Navarre. Zentral ist hier die hermeneutische Leistung des Erzählens als Modellieren und Auswerten von Handlungen im Hinblick auf die Diskussion um soziale Wertesysteme. In den Novellen und in den auf sie bezogenen Diskussionen zwischen den devisants werden verschiedene Codes auf narrativ konstruierte Grenzsituationen angewandt und untereinander auf ihre Kompatibilität bzw. Unverträglichkeit überprüft, ein Pozess, dessen politische Relevanz herausgearbeitet werden soll. Dadurch entsteht die Möglichkeit, neue semantische Felder zu konturieren: Hier soll insbesondere die Eröffnung einer semantischen Sphäre des Privaten, des Individuellen, als bestimmten Diskursen eingeschriebene Möglichkeit der Negation der im ersten Teil des Projekts betonten öffentlichen Dimension untersucht werden.


Projektleitung
Cantagrel, Laurent Dr. phil. (Details) (Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft)

Mittelgeber
DFG: Eigene Stelle (Sachbeihilfe)

Laufzeit
Projektstart: 04/2007
Projektende: 03/2013

Zuletzt aktualisiert 2020-09-03 um 17:02