Distanzregulation in Partnerschaften

In Deutschland nehmen nichtkonventionelle Partnerschaftsformen stark zu. Neben dem gemeinsamen Zusammenleben in einem Haushalt haben sich heterogene Formen des getrennt Zusammenlebens ("living apart together", LAT) entwickelt. Während LAT im jungen Erwachsenenalter meist eine (oft beruflich bedingte) Vorstufe zum gemeinsamen Zusammenleben ist, etabliert sich LAT im mittleren Erwachsenenalter zunehmend als eigenständige Partnerschaftsform. Hierdurch nimmt die Individualisierung der Partnerschaftsform weiter zu, nicht nur hinsichtlich der räumlichen Distanz, sondern auch hinsichtlich ihrer Überwindung durch Kommunikation: Paare zeigen typische Formen der Distanzregulation. Das Vorhaben soll Formen der Distanzregulation in Partnerschaften ganz allgemein beschreiben, Instrumente zu ihrer empirischen Erfassung entwickeln, Bedingungen in der Persönlichkeit und den Beziehungserfahrungen beider Partner identifizieren und Konsequenzen auf die Partnerschaftsqualität untersuchen, insbesondere hinsichtlich Sexualität und Bindung.
Erste Ergebnisse wurden in einer Internetstudie an über 2000 Personen gewonnen, in der sich zeigte, dass nach Kontrolle von Alter, Beziehungsdauer und Kinderzahl LAT-Partnerschaften im Vergleich zu zusammenlebenden Partnern durch stärkere sexuelle Leidenschaft aber erhöhte Bindungsunsicherheit und häufigere Seitensprünge gekennzeichnet sind (Asendorpf, 2006).
Weitere Ergebnisse zu LAT-Beziehungen wurden aus Analysen vorliegender Daten des Sozio-oekonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gewonnen. In dieser repräsentativen Längsschnittstudie für Deutschland (ca. 23 000 Befragte pro Jahr) können ab 1992 in Gesamtdeutschland LAT-Beziehungen von zusammenwohnenden Paaren unterschieden werden. Diese Analysen ergaben (a) LAT hat historisch zugenommen; (b) LAT nimmt bis zum Ende der weiblichen Reproduktionsphase (40 Jahre) ab; (c) ist danach eher eine eigenständige Lebensform ohne nachfolgendes Zusammenwohnen; und (d) ist in allen Altersgruppen instabiler als Zusammenwohnen (Asendorpf, 2008). In der Hauptstudie des Projekts wurden in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Franz J. Neyer, Universität Jena, 611 Paare im Alter (der Frau) von 18-69 Jahren in einem großstädtischen Ballungsraum (Berlin) und in überwiegend katholisch geprägten Landkreisen (Niedersachsen) untersucht, wobei die Paare nach 1 Jahr nochmals nachbefragt wurden. Mit der Wahl der Projektstandorte werden regionalen Unterschieden in der Individualisierung partnerschaftlicher Lebensformen und damit verbundenen unterschiedlichen Kontextbedingungen partnerschaftlicher Distanzregulation Rechnung getragen. Die Ergebnisse befinden sich derzeit in Auswertung.
Das Projekt wurde begleitet von einem Dissertationsvorhaben. Fanny Jimenez, Stipendiatin der International Max Planck Research School LIFE untersuchte mit ähnlicher Methodik Bindung und Distanz in Fernbeziehungen, in denen die Partner weit entfernt voneinander wohnen.

Projektleitung
Asendorpf, Jens B. Prof. Dr. phil. habil. (Details) (Persönlichkeitspsychologie)

Mittelgeber
DFG: Sachbeihilfe

Laufzeit
Projektstart: 01/2007
Projektende: 12/2010

Publikationen
Hagemeyer, B. & Neyer, F. J. (in press). Assessing Implicit Motivational Orientations in Couple Relationships: The Partner-Related Agency and Communion Test (PACT). Psychological Assessment. Jimenez, F. V. & Asendorpf, J. B. (2010). Shared everyday decisions and constructive communication: Protective factors in long-distance romantic relationships. Interpersona, 4, 157-182.
Asendorpf, J. B. (2008). Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60, 749-764. Asendorpf, J. B. (2006). Bindungsstil und Sexualität. Sexuologie, 13, 130-138.
Asendorpf, J. B. (2006). Bindungsstil und Sexualität. Sexuologie, 13, 130-138.

Zuletzt aktualisiert 2020-09-03 um 23:18