Analyse der Einkommensstrukturen und Entwicklung der Bevölkerung in der Region Berlin und Brandenburg

Trotz umfänglicher Sozial- und Armutsberichterstattung auf der Bundes- und Landesebene in Berlin und Brandenburg fällt auf, dass eine der bedeutsamsten Grundlagen nämlich eine solide und umfassende Einkommensanalyse nicht existiert. Einkommensstatistiken werden zwar in fast allen sozialen Berichten der offiziellen Verwaltungen als wesentliches sozialdifferenzierendes Merkmal mit angeführt, aber es gibt keine zusammenhängende und hinreichend differenzierte Analyse über diese so wichtigen harten Sozialdaten für Berlin und Brandenburg. In der Regel wird ausgehend von einem Durchschnittseinkommen lediglich die prozentualen Abweichungen von diesem statistischen Wert angegeben. Die unterschiedlichen Verteilungsstrukturen von Einkommen absolut für sozialdifferenzierte Gruppen fehlen.



Die Einkommensentwicklung wird zwar von den offiziellen Statistiken als Zeitreihe veröffentlicht, aber es gibt keine Einschätzungen darüber, wie diese Entwicklung zu beurteilen ist. Wie viele Personen derzeit mit nicht existenzsichernden Einkünften auskommen müssen ist auch nur sehr ungenau bekannt.



Auf der Grundlage offizieller Datenbestände (insbesondere Mikrozensus für Berlin und Brandenburg in Verbindung mit anderen offiziellen Sozialstatistiken) soll mittels einer Sekundäranalyse eine solche differenzierte Einkommensanalyse erstellt werden. Sie bildet die Basis für die Bearbeitung wichtiger sozialpolitischer Fragestellungen. Im Ergebnis der Arbeit soll auf erkennbare sozialpolitisch relevante Problemlagen hingewiesen werden.



Die mit der Armuts- und Reichtumsdiskussion in der Bundesrepublik angestoßene Debatte relationaler Einkommensgerechtigkeit ist ein wichtiger Bestandteil von Einkommensanalysen und muß als ein Fortschritt angesehen werden. Fragen nach der Relation der Einkommen zwischen Männern und Frauen, zwischen Arbeitenden und Nichtarbeitenden, zwischen jungen Familien, -vollständigen und alleinerziehenden- und Senioren sind für die Bewertung sozialpolitischer Entscheidungen bedeutsam und sollen anhand der Daten strukturell und in ihrem zeitlichen Verlauf für die Region bearbeitet werden. Sie haben vor einer sich zuspitzenden Konkurrenz um Arbeit und Einkommen und einer Verschärfung von Verteilungs- und Umverteilungsprozessen in der Gesellschaft deutlich an Bedeutung gewonnen.



Eine entscheidende Frage in Bezug auf Einkommen - unabhängig ob als Erwerbs- oder Transfereinkommen besteht jedoch darin, ob diese individuellen Einkommen/ Haushaltseinkommen ihre eigentliche Funktion, die der Existenzsicherung noch gerecht werden.



Es muss angenommen werden, dass es für eine wachsende Gruppe von Personen in Berlin und Brandenburg keineswegs nur noch um relative Einkommensarmut im Vergleich zu anderen in einem sonst aber reichen und sozial sicheren Land geht, sondern, dass die Gruppe der Einkommensarmen steigt, bei denen es um die Gefährdung ihrer existentiellen Lebensbedingungen geht, also um Fragen absoluter Armut.



Es soll daher auch um die tatsächlichen realen Einkommenssituationen einzelner sozialer Gruppen in der Region gehen. Also um die Frage: inwieweit die gegenwärtigen Einkommens- und Lebensbedingungen für die Berliner und Brandenburger Bevölkerung noch hinreichend existenzsichernd sind und es zukünftig bleiben werden. Dabei ist zu prüfen, ob, warum und welche sozialen Gruppen der Bevölkerung tatsächlich oder potentiell gefährdet sind und unter einer verantwortungsbewußten Sozialpolitik einer gezielteren Unterstützung bedürfen.
Auf der Basis einer detaillierten Einkommensanalyse sollen aktuelle sozialpolitische Fragestellungen für Berlin und Brandenburg näher beleuchtet und die Entwicklung in der ausgewählten Region einschätzen werden.
Es sollen folgende Schwerpunkte bearbeitet werden:

- die Einkommensverhältnisse in Berlin und Brandenburg im Vergleich zum bundesrepublikanischen Durchschnitt;

- die Entwicklung der Einkommen zwischen den Geschlechtern;

- Einkommensgerechtigkeit zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen;

- Generationengerechtigkeit: das Verhältnis von Renten zu Erwerbseinkommen;

- Annäherung der Einkommensverhältnisse in Ost und West;

- Haushaltseinkommen als Grundlage für Existenzsicherung;

- Ursachen für die Existenzgefährdung von Haushalten.



Das hier geplante Forschungsprojekt schließt mittels einer differenzierten Aufarbeitung von sozialstatistischen Ergebnissen zur Einkommensproblematik eine derzeit vorhandene Erkenntnislücke. Auf der Basis der Analyse sind oben benannte sozialpolitisch relevante Zusammenhänge zu analysieren und den politischen Akteuren in Gewerkschaft und Landesregierung zur Verfügung zu stellen (Politikberatung). Außerdem soll auf dieser Basis die Grundlage für eine weitere wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas gelegt werden.


Projektleitung
Lohr, Karin Prof. Dr. sc. oec. (Details) (Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse)

Mittelgeber
Hans-Böckler-Stiftung

Laufzeit
Projektstart: 09/2003
Projektende: 12/2005

Zuletzt aktualisiert 2020-10-03 um 16:36