BONDS: Zu Schuld, Schulden und anderen Verpflichtungen

Schulden sind aus den aktuellen Diskursen nicht wegzudenken: In Ökonomie und Politik wird mit unglaublichen Zahlen jongliert, die von kaum durchschaubaren Schuldzuweisungen begleitet werden. ExpertInnen unterschiedlicher Disziplinen melden sich zu Wort und erörtern Gründe für und mögliche Auswege aus einer scheinbar zutiefst verfahrenen Situation. Ziffern, Worte und Emotionen vermengen sich zu einem komplexen, schwer analysierbaren Gebilde. Eine transdisziplinäre, internationale Konferenz im Haus der Kulturen der Welt soll daher verschiedene Persönlichkeiten einladen, im Dialog zur Klärung politischer, ökonomischer, kultureller und künstlerischer Aspekte beizutragen. Ausgegangen wird von der Vermutung, dass die aktuellen monetären Schulden und die um sie kreisenden Debatten und Emotionen eng mit anderen Schulderfahrungen zusammenhängen: mit Evidenzen existenzialer und genealogischer Schuld, aber auch mit der Wahrnehmung ethisch-moralischer und rechtlicher Schuld. Bereits die Etymologie von Schuld vereint Aspekte des „Sollens“, der Macht, des Rechts und der Ökonomie; aus der Geschichte des Opfers lassen sich beispielsweise Prozesse der Schuldtransformation ableiten, deren aktuelle Gestalt im Gespräch zwischen VertreterInnen aus Anthropologie, Theologie, Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaften, Recht, Wirtschaft, Politik, Finanzwissenschaft, Literatur und Semiologie untersucht und kommentiert werden kann. Die Vielzahl der mit Schuld und Schulden verbundenen Aspekte von Kultur, Sozialem und Politik soll thematisiert werden, um konstruktive – und bisher zu wenig bedachte – Ansätze zur Lösung der aktuellen schwierigen Lage entstehen zu lassen. Denn es geht offenkundig nicht nur um Geld bzw. Geldmangel, sondern auch um Fragen zur Conditio humana, wie beispielsweise: Wem gehören Zeit und Raum, wem das Leben? Wer entscheidet über Arbeitskraft, Bewusstsein, Gerechtigkeit, Vertrauen, Hierarchien und andere Verpflichtungen? Und umgekehrt: Wann entstehen Misstrauen und Unglück? Die Dimensionen des Systems der „Schuld-en“, des Vertrauens und der Notwendigkeit zum Vergeben, zum Erlassen von Schulden sollen sichtbar werden und konstruktiv zu Schuldtransformationsprozessen beitragen. Die Konferenz sieht Vorträge und Gespräche zwischen zwei oder mehreren Personen vor. Ein Tagungsbericht und ein Weißbuch der Fragen und möglichen Handlungsrichtungen werden zu Folgeveranstaltungen und zur Gründung eines transnationalen und transdisziplinären Netzwerks führen. Auf die Zusammenarbeit zwischen akademischer Welt, Wirtschaft, Kunst und Kultur wird besonderer Wert gelegt. Begleitend sind folgende Veranstaltungen vorgesehen: 1 Eine Kartografie der Gebenden, Nehmenden und Be-Wertenden soll die Gabe- und Schuldverhältnisse, „Bonds“ zwischen Nationen, Institutionen, Generationen und Artefakten (das System der Finanzwelt) am Beispiel Griechenlands bzw. des Euro veranschaulichen und systematisieren. 2 Eine systemische Aufstellung mit renommierten AufstellerInnen soll etymologische, philosophische, theologische, psychologische, juridische und ökonomische Positionen zu Schuld-en erlebbar machen und dabei helfen, kooperative Ansätze zu entwickeln. 3 Das Theaterstück „Economics of Good and Evil: The Quest for Economic Meaning from Gilgamesh to Wall Street“ von Tomás Sedlácek soll zur Aufführung gebracht werden.

Projektleitung
Macho, Thomas Prof. Dr. phil. (Details) (Kulturgeschichte)

Mittelgeber
Sonstige Stiftungen

Laufzeit
Projektstart: 08/2012
Projektende: 12/2012

Publikationen
Publikationen Thomas Macho (Auswahl):

Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987 (2. Auflage 1990).

Das zeremonielle Tier. Rituale – Feste – Zeiten zwischen den Zeiten. Graz/Wien/Köln: Styria-Pichler 2004.

Menschen – Tiere – Maschinen. Zur Kritik der Anthropologie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2010.

Weihnachten. Kindsmord und Zeitenwende. München: Wilhelm Fink 2010 (in Vorbereitung).

Hrsg. (gem. mit Peter Sloterdijk): Weltrevolution der Seele. Ein Arbeits- und Lesebuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart. Zürich/München: Artemis & Winkler 1991 (2. Auflage 1993).

Hrsg.: Jean-Paul Sartre. München: Diederichs 1995 (München: dtv 1998).

Hrsg.: Ludwig Wittgenstein. München: Diederichs 1996 (München: dtv 2001).

Hrsg. (gem. mit Richard Faber und Eveline Goodman-Thau): Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes. Würz-burg: Königshausen + Neumann 2001 (2. Auflage 2007).

Hrsg. (gem. mit Friedrich Kittler und Sigrid Weigel): Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Medienge-schichte der Stimme. Berlin: Akademie-Verlag 2002 (2. Auflage 2008).

Hrsg. (gem. mit Brigitte Felderer): Höflichkeit. Aktualität und Genese von Umgangsformen. München: Wilhelm Fink 2002.

Hrsg. (gem. mit Petra Lutz, Gisela Staupe und Heike Zirden): Der [im-]perfekte Mensch. Metamorphosen von Normali-tät und Abweichung. Wien/Köln/Weimar: Hermann Böhlau 2003.

Hrsg. (gem. mit Annette Wunschel): Science & Fiction. Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2004.

Hrsg. (gem. mit Hartmut Böhme, Franz-Theo Gottwald, Christian Holtorf, Ludger Schwarte und Christoph Wulf): Tiere. Eine andere Anthropologie. Köln/Weimar/Wien: Hermann Böhlau 2004.

Hrsg. (gem. mit Stiftung Neuhardenberg): Arme Schweine. Eine Kulturgeschichte. Berlin: Nicolai-Verlag 2006.

Hrsg. (gem. mit Karin Harrasser und Burkhardt Wolf): Folter. Politik und Technik der Schmerzen. München: Wil-helm Fink 2007.

Hrsg. (gem. mit Kristin Marek): Die neue Sichtbarkeit des Todes. München: Wilhelm Fink 2007.

Hrsg.: Tiefenrausch. Ein Lesebuch zur Unterwelt. Wien/Bozen: Folio 2008.

Hrsg. (gem. mit Petra Lutz): Zwei Grad. Das Wetter, der Mensch und sein Klima. Göttingen: Wallstein 2008.

Hrsg. (gem. mit Gisela Staupe und Sigrid Walther): Was ist schön? Göttingen: Wallstein 2010.

Hrsg. (gem. mit Christian Kassung): Kulturtechniken der Synchronisation. München: Wilhelm Fink 2010.
Vorbilder. München. Wilhelm Fink 2011.

Publikation Irini Athanassakis:
Die Aktie als Bild: Zur Kulturgeschichte von Wertpapieren. Reihe: Edition Transfer. Springer Vienna 2008.

Zuletzt aktualisiert 2020-01-06 um 19:34