Carl Dahlhaus und die Musikwissenschaft: Werk, Wirkung, Aktualität (Veranstaltung: Juni 2008, Berlin)

Internationales wissenschaftliches Symposion Juni 2008 Carl Dahlhaus (1928-1989): Von einer Alten Musikwissenschaft zur New Musicology.
Internationales wissenschaftliches Symposion Berlin 2008

[Stand: 19.12.2006]



Am 10. Juni 2008 würde Carl Dahlhaus seinen 80. Geburtstag feiern können, im Blick auf heutige Lebenserwartungen kein abwegiger Gedanke. Dieser Tag soll zum Anlass eines wissenschaftlichen Symposions genommen werden, das sich mit ihm, seinen Schriften, seiner Wirkung befasst.



Als Nachfolger von H. H. Stuckenschmidt war Dahlhaus 1967 auf den Lehrstuhl für Musikgeschichte an der Technischen Universität Berlin berufen worden, wo er bis zu seinem Tode im März 1989 ein außerordentlich fruchtbares, weltweit beachtetes Wirken entfaltete, das zahlreiche Schüler aus dem In- und Ausland anzog. Eine große und gewichtige Zahl eigener Bücher und Aufsätze, die er als Autor und als Herausgeber veröffentlichte, bilden jenes Oeuvre, das auf die deutsche und internationale Musikwissenschaft im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und danach bis heute - einen prägenden Einfluss ausübte.



Carl Dahlhaus war ein großer Gelehrter, der durch seinen intellektuellen Scharfsinn, die Kraft seiner Argumente, die ungewöhnliche Belesenheit, die Prägnanz seiner Formulierungskunst weithin wirkte. Auch unter stärksten gesundheitlichen Belastungen und bei vielfältigster beruflicher Inanspruchnahme schuf er konzentriert ein riesiges Oeuvre, geleitet vom Willen, sein Leben der Erkenntnis der Musik, ihrer Geschichte, ihrer Theorie zu widmen. Wissenschaft kam für ihn, um Schönberg zu paraphrasieren, von Müssen.



Die Breite der Themen, die Dahlhaus in Büchern, Aufsätzen und Artikeln behandelt hat, reicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart, bzw. von der Musiktheorie und musikalischen Analyse bis zur Ästhetik und Historik. Diese Schriften haben nicht nur einen jeweiligen musikwissenschaftlichen Forschungsstand neu definiert, sie haben ihn in vielen Fällen allererst geschaffen und, indem sie das Denken und Sprechen über Musik verändert haben, die Musikwissenschaft im Ensemble der Kunst- und Geschichtswissenschaften neu verortet.



An Dahlhaus' Methodologie möchte ich hier vier Momente hervorheben: Erstens ermöglicht ihm eine die Fachgrenzen mühelos hinter sich lassende Weite des Blickes, Ergebnisse und Methoden anderer Wissenschaften von der Philosophie über die Geschichtsforschung zur Literatur- und Theaterwissenschaft auf originelle Weise in die musikologische Reflexion einzubeziehen, ohne dabei den konkreten Bezug auf die musikalischen Zusammenhänge preiszugeben. Zweitens ist sie in der Geschichte der Musikologie bahnbrechend geprägt durch ein Ineinandergreifen von systematischen und historischen Momenten, insofern es für sie keine historische Forschung ohne theoretisch-systematische Basis und umgekehrt keine systematische Untersuchung ohne Wissen um die geschichtlichen Wandlungen gibt, so dass demgegenüber eine Musikwissenschaft, die das eine ohne das andere zu betreiben versucht, als defizitär erscheint. Drittens zeigt sie modellhaft, wie historische Musikforschung an der Entwicklung der Neuen Musik kritisch zu partizipieren vermag, darauf hat György Ligeti in seinem Nachruf auf Dahlhaus verwiesen, und wie sich umgekehrt für die historische Forschung Erfahrungen mit der Avantgarde fruchtbar machen lassen. Viertens verwebt sie die verschiedenen Teildisziplinen der Musikwissenschaft, auf welche sie sich erstreckt, im Sinne eines sentimentalischen Historismus so ineinander, dass ihrem Gedankengang auch nach der Verabschiedung einer normativen Systematik ein Systemcharakter erhalten bleibt und das Geschichtlich-Einzelne in einem Netzpunkt vielfältiger Verflechtungen erscheint.



Dank der großzügigen Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung konnte in den Jahren 2000 bis 2006 die Edition Carl Dahlhaus. Gesammelte Schriften in zehn Bänden im Laaber Verlag veröffentlicht werden, die mit der Publikation des separaten Register-Bandes im nächsten Jahr zu Ende kommen wird. Sie erlaubt ein neues, vertieftes Verstehen von Dahlhaus' Oeuvre, das, wie eine wachsende Literatur belegt, mehr und mehr selbst zu einem Gegenstand musikwissenschaftlicher Forschung wird. Hier erhält die geplante Veranstaltung ihre wichtige, in die Zukunft weisende Aufgabe.



Das internationale wissenschaftliche Symposion, das von Peter Gülke, Norbert Miller und mir konzeptionell entwickelt wurde, verfolgt drei Ziele: erstens soll das uvre von Carl Dahlhaus wissenschaftshistorisch verortet und in seinem Stellenwert für den tiefgreifenden Paradigmenwechsel von einer Alten Musikwissenschaft zur New Musicology und darüber hinaus reflektiert werden, ein auch wegen des geringen wissenschaftshistorischen Bewusstseins der Musikologie bedeutsames Vorhaben; zweitens soll durch Einzelstudien die Struktur von Dahlhaus musikwissenschaftlichem Denken und Argumentieren untersucht und präzise ausgeleuchtet werden; und drittens sollen die Beiträge neue wissenschaftliche Forschung bieten, knapp zwanzig Jahre nach Dahlhaus Tod und selbstreflexiv die von Dahlhaus empfangenen Anregungen, aber auch die Differenzen zu seinen Argumentationsstrategien bekunden, die für die eigene Praxis wichtig sind. Es geht also weder um Würdigung noch um Lob, es geht vielmehr um eine kritische Methodenreflexion, um historische Erkenntnis und auch um Wege künftiger Musikforschung. Die neue Grundlage der Gesammelten Schriften soll beim Symposion erstmals ausgeschöpft werden. Die einzelnen Beiträge, deren spezifische Thematik im Dialog mit den einzuladenden Referentinnen und Referenten noch zu entwickeln ist, sollen gebündelt in Themenkomplexen zur Sprache kommen:


- Ästhetik und Musikphilosophie (Leitung: Peter Gülke)

- Kritik (Leitung: Stephen Hinton)

- Theorie und musikalische Analyse (Leitung: Hans Joachim Hinrichsen)

- Opern-Dramaturgie (Leitung: Anselm Gerhard)

- Wege aus einer Alten Musikwissenschaft, ein Paradigmenwechsel? (Leitung: Rudolf Stephan)

- Unterwegs zur New Musicology: Perspektiven der Musikhistoriographie (Leitung: Hermann Danuser)

- Zur Edition Carl Dahlhaus Gesammelte Schriften in 10 Bänden (Leitung: Burkhard Meischein)

-Dahlhaus lesen: Vier Lektüren von Zur Methode der Opern-Analyse (Leitung: Camilla Bork)



Das Symposion soll so organisiert sein, dass es einen profunden Gedankenaustausch ermöglicht, d. h. eine kongressüblich stereotype Folge von Referaten mit allzu knappen Diskussionszeiten soll vermieden werden. Die Rede- und Diskussionsbeiträge sollen möglichst lebendig gehalten sein; die zu publizierenden Texte sind von den Teilnehmern im nachhinein noch auszuarbeiten. Auf diese Weise können das Symposion und die anschließende Buchpublikation einen nachhaltigen Beitrag zu einer aktuellen Musikwissenschaft leisten.


Projektleitung
Danuser, Hermann Prof. Dr. Dr. h. c. (Details) (Historische Musikwissenschaft)

Mittelgeber
Ernst von Siemens Stiftung

Laufzeit
Projektstart: 05/2007
Projektende: 04/2009

Publikationen
Symposiumsbericht

Zuletzt aktualisiert 2020-14-03 um 23:18