Allgemeinbildung und Schulstruktur II/ III. Die Pädagogischen Bewegung von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik/ Konzepte, Probleme der Demokratisierung sowie der Verwissenschaftlichung von Bildung und Schule in SBZ/DDR von 1945-1990

Das von der DFG finanzierte, gemeinsam mit einer von H. Kemper geleiteten Erfurter Arbeitsgruppe in der Berliner Arbeitsgruppe gemeinsam mit W. Eichler, K.-F. Göstemeyer und H. Sladek durchgeführte Forschungsvorhaben untersucht drei moderne pädagogische Bewegungen in Deutschland auf theoriegeschichtlich bedeutsame Zusammenhänge zwischen Konzepten und Erfahrungen aus einzelnen Reformschulen, staatlichen Schulreformen und der Entwicklung der erziehungswissenschaftlicher Theorien. Die Ergebnisse werden in einer dreiteiligen, aus 4 Quellentext- und 4 Monographiebänden bestehenden "Theorie und Geschichte der Reformpädagogik" in Deutschland vorgelegt, welche den Zeitraum von der Aufklärung bis zur Gegenwart erfasst.



Der erste Teil der Theorie und Geschichte der Reformpädagogik in Deutschland behandelt die pädagogische Bewegung von der Aufklärung bis zum Neuhumanismus. Der Quellentextband 1 präsentiert Texte aus der reform-, institutions- und theoriegeschichtlich bedeutsamen Phase von 1762 (Erscheinen von Rousseaus Émile) bis 1819 (Scheitern des Süvernschen Gesetzentwurfes). Die Quellen wurden so ausgewählt, daß Wechselwirkungen zwischen reformpädagogischen Schulversuchen, staatlicher Schulreform und der Theorieentwicklung der modernen Pädagogik sichtbar werden.

Das erste Kapitel präsentiert Stellungnahmen von Harles, Villaume und Reimarus sowie zweier anonymer Autoren, die sich teils für, teils gegen die Verstaatlichung des öffentlichen Unterrichtswesen aussprechen.

Das zweite Kapitel stellt die Konzeption, Praxis, Selbstreflexion und Kritik dreier herausragender Schulversuche dieser Epoche vor: des 1774 von Basedow in Dessau gegründeten Philanthropins, des 1784 von Salzmann in Schnepfenthal errichteten Erziehungsinstituts und des Conradinum in Jenkau.

Das dritte Kapitel illustriert den Reflexionsgewinn der Epoche an bedeutenden schultheoretischen Abhandlungen von Trapp, W. von Humboldt, Herbart, Hegel und Schleiermacher.

Der zugehörige Monographieband 1 führt im ersten Kapitel in die Unterscheidung der der drei moderne pädagogischen Bewegungen (Reformpädagogik um 1800, Pädagogische Bewegung von 1900 bis 1933 und demokratischen Bildungsreformen in Deutschland nach 1945) ein. Das zweite Kapitel rekonstruiert am Beispiel von Rousseau und Locke die Grundfragen moderner Pädagogik. Das dritte Kapitel kommentiert die genannten drei Schulversuche als herausragende Reformexperimente der ersten pädagogischen Bewegung unter Einbeziehung der intern und exterm an ihnen geübten Kritik. Das vierte Kapitel bilanziert den theoretischen Ertrag, den die wissenschaftliche Pädagogik in ihren Erziehungstheorien, Bildungs- und Schultheorien bei Trapp, W. von Humboldt, Herbart, Hegel und Schleiermacher aus den Erfahrungen der pädagogischen Aufklärung und des Neuhumanismus entwickelt hat.



Der zweite Teil der Theorie und Geschichte der Reformpädagogik in Deutschland untersucht die Pädagogische Bewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. Der Quellentextband 2 präsentiert neben bekannten auch bisher unveröffentlichte sowie schwer zugängliche Texte aus der Zeit der "Pädagogischen Bewegung". Das einleitende Kapitel informiert an Hand ausgewählter Texte von Diesterweg, Scheibert und Rein über die Vorgeschichte der Pädagogischen Bewegung. Die folgenden Kapitel sind verschiedenen Richtungen der Pädagogischen Bewegung in Deutschland gewidmet:der Landerziehungsheimbewegung um H. Lietz, der Freien Schulgemeinde Wickersdorf um G. Wyneken, der Odenwaldschule von P. Geheeb, der Hauslehrerschule von B. Otto, der Konzeption der Arbeitsschule von G. Kerschensteiner, der Jena-Plan-Schule von P. Petersen, den Hamburger Lebensgemeinschaftsschulen um W. Lottig, den auf W. Paulsen zurückgehenden Berliner Rütli-Schulen, der von Fritz Karsen reformierten Schule in Neukölln und der Konzeption einer elastischen Einheitsschule von P. Oestreich. Die Quellen und Dokumente wurden so ausgewählt, daß die einzelnen Ansätze in ihren Konzeptionen sowie durch Berichte aus der Praxis und Zeugnisse interner Selbstreflexion bzw. externer Begutachtung und Kritik vorgestellt werden.

Der Monographieband 2 macht Wechselwirkungen zwischen den reformpädagogischen Schulversuchen, der staatlichen Schulreform und der Theorieentwicklung der modernen Pädagogik sichtbar. Untersucht werden die neuen Fragestellungen der Pädagogischen Bewegung, insbesondere ihre Begriffe von Natur, Kindheit und Gemeinschaft, und die Neubestimmung des Generationenverhältnisses. Gezeigt wird zugleich, wie diese un den genannten Schulversuchen unterschiedlich ausgelegt wurden. Das abschließende Kapitel rekonstruiert den erziehungswissenschaftlichen Ertrag der Pädagogischen Bewegung an den Neuansätze einer empirisch, geisteswissenschaftlich und erziehungsphilosophisch reflektierenden und forschenden Erziehungswissenschaft.



Der dritte Teil der Theorie und Geschichte der Reformpädagogik in Deutschland ist in Bände zur SBZ und zur DDR sowie zu den westlichen Besatzungszonen und zur BRD untergegliedert.

Untersucht werden staatliche Schulreformen und reformpädagogische Schulversuche aus der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten.

Der Quellentextband 3.1 präsentiert, geordnet nach den Jahren 1945-49, 1950-59, 1960-70, 1971-89, 1989-90, Quellen zur Theorie und Geschichte der Reformpädagogik in der SBZ und DDR. Dokumentiert werden die sich wandelnde "Programmatik der Schulreform", zentrale "Entwicklungsprobleme des Schulsystems" sowie "Erfahrungen aus Reform-, Versuchs- und Forschungsschulen" . Die Quellen eröffnen neue Blicke auf Spannungen und Wechselwirkungen zwischen staatlicher Schulreform, praktischer Schulreformarbeit und erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung und Forschung. Die dabei sichtbar werdenden Entwicklungsprobleme beziehen sich auf Abstimmungsprobleme zwischen der "Einheitlichkeit und Differenzierung" des Schulsystems, den Abbau von Schulversagen, die Reduktion von "Republikflucht" , die Planung und Sicherung der Übergänge zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung und die "Herausbildung einer sozialistischen Lebensweise".

Der Monographieband 3.1 kommentiert die Reformentwicklungen in der SBZ und in der DDR. Diese beginnen mit dem "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule" von 1946 und führen zum Aufbau einer Einheitsschule, welche verschiedene Phasen der Politisierung und Modernisierung durchlief und Erziehung und Schule in den Dienst einer sozialistischen und kommunistischen Erziehung stellte.

Untersucht werden nicht nur staatliche Reformen und ihre Diskussion, sondern erstmals auch Konzepte und Erfahrungen, die an Reform-, Versuchs- und Forschungsschulen gewonnen wurden. Vorgestellt werden u.a. der Schulversuch Drosedow, die Zentralschulen Mosel und Kalkreuth, die Internatsschule Haubinda, die Mittelschule Wesenberg, die Internatsoberschule Seewalde, die Oberschule Rackwitz, Forschungsschulen in Berlin Marzahn und reformpädagogische Initiativen aus der Wende-Zeit.

An ihnen lassen sich Wechselwirkungen und Spannungen zwischen staatlicher Schulreform und reformpädagogischen Initiativen sowie schulischen und außerschulischen Erfahrungen nachweisen, die in der Entwicklung des Bildungssystems der DDR wirksam waren, das keineswegs ohne reform- pädagogische Initiativen auskam, sondern eine spezifische Variante sozialistischer Reformpädagogik hervorgebracht hat.



Die Arbeit an den Quellentext- und Monographiebänden Bände 3.2 soll bis 2004 abgeschlossen werden. In dem Quellentextband 3.2 werden verschiedene Phasen der Schul- und Reformentwicklung von 1945 bis 1990ff in den Westzonen und der BRD dokumentiert.

Die Darstellung des Monographiebandes 3.2 konzentriert sich auf Reformentwicklungen in den westlichen Besatzungszonen und in der BRD. Sie beginnen mit der Reeducationspolitik der Alliierten (1945-1949) und führen im Anschluß an eine Phase der reaktiven Bildungspolitik (1950-1959) zum Rahmenplan des Deutschen Ausschusses (1959), zum Bremer Plan (1960) und zum Strukturplan des Deutschen Bildungsrats (1970).

Auf Durchführungsschwierigkeiten staatlicher Bildungsreform antworten in den siebziger Jahren neue reformpädagogische Initiativen und Versuche, welche Detailprobleme moderner Schulreform in das Zentrum ihrer Experimente rücken.

Besonders eingegangen wird u. a. auf die Laborschule Bielefeld, den Schulversuch Glocksee, die Kollegschule Nordrhein-Westfalen und das Grundschulprojekt Gievenbeck. An ihnen lassen sich Schule und Leben, allgemeiner und beruflicher Bildung sowie Wechselwirkungen und Spannungen zwischen staatlicher Schulreform und reformpädagogischen Versuchen Nachweisen, welche die Entwicklung des Bildungssystems in der BRD nachdrücklich beeinflusst haben und auch künftig beeinflussen werden.

Der Monographieband schließt mit einem Ausblick auf Dauerprobleme öffentlicher Erziehung. Diese beziehen sich auf die institutionelle Differenz von Schule und Leben und die pädagogische Aufgabe, zwischen diesen zu vermitteln , auf den Widerstreit, dass Bildung ohne Wissenschaft nicht möglich ist, neuzeitliche Wissenschaft aber aus eigener Kraft nicht bildet, auf die Tatsache, dass die Schule eine Institution zur Überwindung und Produktion von gesellschaftlicher Ungleichheit ist, und auf die Aufgabe, das staatliche Schulsystem in ein öffentliches zu überführen.

Projektleitung
Benner, Dietrich Prof. em. Dr. Dr. h. c. mult. (Details) (Allgemeine Erziehungswissenschaft)

Mittelgeber
DFG: Sachbeihilfe

Laufzeit
Projektstart: 04/1997
Projektende: 03/1999

Forschungsfelder
Allgemeinbildung und Schulstruktur, Pädagogische Bewegungen in Deutschland, Reformpädagogik, Schulreformen, staatliche in Deutschland

Publikationen
Benner, D./Kemper, H. unter Mitwirkung von Schulp-Hirsch, G. (Hrsg): Quellentexte zur Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. Teil I: Die pädagogische Bewegung von der Aufklärung bis zum Neuhumanismus. Weinheim 2000.

Benner, D./Kemper, H. unter Mitwirkung von Barth, G./Eichler, W./Röhner, H./Zöllner, D. (Hrsg): Quellentexte zur Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. Teil 2: Die Pädagogische Bewegung von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik. Weinheim 2001.

Benner, D./Eichler, W./Göstemeyer, K.-F./Sladek, H. (Hrsg.): Quellentexte zur Theorie und Geschichte der Reformpädagogik Teil 3.1. Staatliche Schulreform und Schulversuche in SBZ und DDR. Weinheim 2003.

Benner, D./Kemper, H.: Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. MonograhieTeil 1: Die pädagogische Bewegung von der Aufklärung bis zum Neuhumanismus. Weinheim 2001. 2. Auflage 2003.

Benner,D./Kemper,H.: Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. Monographie Teil 2: Die Pädagogische Bewegung von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik. Weinheim/Basel 2002.

Benner, D/Kemper, H.: Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. Monographie Teil 3.1. Staatliche Schulreform und Reformpädagogik in der SBZ und DDR (im Druck).

Benner, D.: Die Permanenz der Reformpädagogik. In Politische Reformpädagogik, hrsg. von T. Rülker und J. Oelkers. Berlin/Frankfurt 1998. Benner, D.: Peter Petersens Jenaplan zwischen naturalistischer Pädagogik und pädagogischer Tatsachenforschung. In: Rassegna Di Pedagia Pädagogische Umschau 3/4 2000.

Benner, D.: Theorie und Geschichte der Reformpädagogik. Monografie Teil 3.2: Staatliche Schulreform und reformpädagogische Schulversuche in den westlichen Besatzungszonen und in der BRD. Weinheim und Basel: Beltz/UTB 2007.

Zuletzt aktualisiert 2020-15-03 um 23:09