Akteurinnen – Praxen – Theorien. Zur Wissensgeschichte der Ethnologie in der DDR

Das Projekt soll eine systematische Wissens- und Fachgeschichte der Ethnologie in der DDR erarbeiten. Es beschäftigt sich mit den komplexen Wechselbeziehungen und Wirkungsverhältnissen von zentraler Wissenschaftsplanung, akademischen Traditionslinien, lokalen wie regionalen Eigendynamiken sowie internationalen Einbindungen und Relationen im spezifischen Kontext der SBZ/DDR. Zentral ist dabei eine dezidierte Betrachtung wissenschaftlicher Entwicklung vor dem Hintergrund einer Verflechtungsgeschichte der DDR und damit unter Einbezug weltpolitischer Dynamiken und Veränderungsprozesse sowie deren Wirkungen auf Wissenschaftspolitik wie auf „Politiken des Wissens“: Kalter Krieg und Blockbildung, globale Dekolonisierung, Befreiungs- und Widerstandsbewegungen, „1968“ und die Auswirkungen auf die europäischen Wissenschaftslandschaften. Das Vorhaben setzt damit auf eine problem- und kontextorientierte Analyse, die exemplarisch die Entwicklung eines „kleinen Faches“ im Rahmen der Wissenschaftspolitik eines unter wechselnden politischen Bedingungen zunehmend autoritären Staates verfolgt. Dabei wird eine nur in Ansätzen vorhandene, in erster Linie auf politische Funktionalität und den nationalen Kontext bezogene Fachgeschichte wissensgeschichtlich und wissenskulturell erweitert. Ausgangspunkt sind die Wissenschaftsbiografien dreier Frauen, die die Fachentwicklung dreieinhalb Jahrzehnte lang entscheidend geprägt haben. Das war in Gesamtdeutschland und auch europaweit einzigartig. Dafür werden zwei in enger Kooperation arbeitende Teilprojekte – in Bonn und Berlin – unterschiedliche Felder der umkämpften Standortbestimmung der Ethnologie in der DDR in den Blick nehmen. Am Beispiel der auf die Amerikas bezogenen Ethnographie, als ein „klassisches“, regionales Wissensfeld der Ethnologie (Bonn) und der konzeptionell-theoretischen wie institutionellen Zusammenführung von Völkerkunde und Volkskunde (Berlin) wird untersucht, wie die Ethnologie nach 1945 in wechselnden Konstellationen gesellschaftspolitische Legitimationsstrategien entwickelte. Gerade weil die Disziplin nicht im Zentrum der Wissenschaftspolitik stand, kann das Beispiel der Ethnologie bisher wenig beachtete Relationen erarbeiten: zwischen der Konstruktion theoretischer und methodischer Positionen und der sich in Konkurrenz bzw. Austausch mit den sog. westlichen Staaten entwickelnden Forschungspolitik und Forschungspraxis der DDR. Damit wird es möglich, den „Standort“ der Ethnologie der DDR 1989/90 als ein Ausgangspunkt auch für die Positionierung und Entwicklung im Rahmen der „wissenschaftlichen Wiedervereinigung“ präziser zu bestimmen.

Projektleitung
Scholze-Irrlitz, Leonore Dr. phil. (Details) (Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde)

Mittelgeber
Volkswagen-Stiftung (VW)

Laufzeit
Projektstart: 03/2017
Projektende: 02/2019

Zuletzt aktualisiert 2020-01-06 um 17:59