Muster von Kontakt und Sprachwandel: Philologische vs. digitale Methoden zur Analyse von Handschriften tschechischer Migranten im Berlin des 18.Jh.

Historische Handschriften sind als Quellen für alle Geisteswissenschaften essentiell. Da viele Gemeinschaften über lange Zeit hinweg rein handschriftliche Kulturen gepflegt haben, bietet sich für die Reflexion über bestehende und die Entwicklung neuer Methoden der Erschließung historischer Handschriften ein breites Anwendungsfeld. Die traditionelle Philologie und andere textzentrierte Geisteswissenschaften haben ein verbindliches Methodeninventar zum Umgang mit Handschriften entwickelt, das u.a. die Erforschung des textexternen Kontextes, komplexe Lektüre, Transkription, kritische Edition und umfangreiche textologische "Detektivarbeit" umfasst. Während eine direkte Unterstützung dieser Prozesse durch die Informatik und die Ingenieurwissenschaften mittels verlässlicher und vollständiger automatischer Zeichenerkennung (Optical Character Recognition, OCR) von Handschriften technisch vorerst nicht zu bewältigen ist, können moderne Bild- und Musterverarbei- tungstechnologien bereits persönliche Handschriften unterscheiden und vordefinierte graphische Muster darin isolieren. Das Projekt plant, diese beiden Methodologien – die philologische und die technologische – miteinander zu konfrontieren und systematisch zu untersuchen, welche der beiden adäquater und nachhaltig erfolgreicher ist. Unser Forschungsgegenstand sind bisher nicht edierte Handschriften einer kulturhistorisch, theologisch und linguistisch höchst interessanten tschechischsprachigen Berliner Gemeinschaft von (in ihrer Heimat) religiös verfolgten Exilanten aus dem 18.Jh. – der Herrnhuter Brüdergemeine, die bis heute im heutigen Bezirk Berlin-Neukölln besteht. Am interessantesten aus linguistischer Sicht ist hierbei die intensive Kontaktsituation mit dem Deutschen und deren Konsequenzen für den Sprachwandel bei den zunehmend zweisprachigen Gemeindemitgliedern. Die Texte – v.a. Autobiographien und Predigt- /Vortragsnotizen – sind jedoch ohne genaue Kenntnis der Autoren, Schreiber, Übersetzer und ihrer Hintergründe schwer zu analysieren. Wir wollen wir das Beste aus beiden Methodologien auf diese Dokumente in Anwendung bringen, um die verschiedenen Schichten der Handschrift, textologisch wichtige Schreibmerkmale (z.B. spontan vs. kopiert, Selbst- vs. Fremdkorrektur) und repetitive Muster von Wortverwendungen ans Licht zu bringen. So tragen wir nicht nur zum Wissen über die Brüdergemeine, ihre Geschichte und ihr Alltagsleben bei, sondern begegnen auch einem allgemeineren methodologischen Desideratum. Als ein Hauptergebnis wollen wir ein Assistenzsystem für die Arbeit mir digitalisierten historischen handschriftlichen Texten entwickeln, das philologische wie informatische Kompetenzen nutzt und die Stärken beider Methodologien vereint.

Projektleitung
Meyer, Roland Prof. Dr. (Details) (Westslawische Sprachen)

Mittelgeber
Volkswagen-Stiftung (VW)

Laufzeit
Projektstart: 04/2017
Projektende: 09/2020

Forschungsbereiche
Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, Typologie, Außereuropäische Sprachen, Geistes- und Sozialwissenschaften

Zuletzt aktualisiert 2020-06-06 um 00:05

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