Weiblicher Rückzug: Praktiken und Codierungen solitärer Produktivität

Turbulenzen im Feld des Sozialen, Politischen, Religiösen oder in der Kunst haben in der Regel als gegensätzlich wahrgenommene Reaktionen zur Folge: Aufmerksamkeit, Einmischung, Protest, oder aber Rückzug, innere Emigration, (freiwillige) Isolation. In kultur- und wissenschaftshistorischer Perspektive frappiert die Abwesenheit von Untersuchungen zu Praktiken und Codierungen des weiblichen Rückzugs, der allenfalls mit modernen Schriftstellerinnen (etwa Virginia Woolf: A Room of One’s Own; Christa Wolf: Sommerstück) in Verbindung gebracht wird. In Vergessenheit gerät dabei, dass sie auf eine lange europäische Tradition zurückblicken, in der nicht nur männliche Dichter, Philosophen, Eremiten oder Wissenschaftler (vgl. Petrarca: De vita solitaria), sondern auch Autorinnen, weibliche Gelehrte oder Inklusen (etwa Hildegard von Bingen, Christine de Pizan, Teresa von Ávila) die Isolation als Ort der Ruhe und Geborgenheit, aber auch der Askese, der intellektuellen bzw. spirituellen Produktivität, das Leben in der Zurückgezogenheit, im Privaten als Protest, als soziales und kulturelles Engagement behaupten und erleben. Sie alle haben sich stets mit einer misogynen Tradition auseinanderzusetzen, in der Frauen die Weltabgewandtheit, Andacht oder Konzentration der Asketen (Antonius Eremita) oder Denker stören und sie ggf. in erotische Zweisamkeit transformieren (Abaelard und Héloïse). Auch das zurückgezogene, einem auflauernde Böse wird etwa im Livre du Cuer d’Amours espris des René d’Anjou weiblich gedacht. ‚Weiblicher Rückzug‘ impliziert eine erweiterte Perspektive des Phänomens der gewählten produktiven Isolation. Dabei können gleichsam jene diskursiven, oft metaphorischen Formationen jenseits starrer Genderdichotomien, in denen das Geschlecht als Code (auch entgegen und komplementär zum biologischen Geschlecht) figuriert, berücksichtigt werden. Genannt seien als Beispiel die anima, die die Seitenwunde Christi als Gebärmutter auffasst und sich darin verbirgt (Stimulus amoris) oder Bernhard von Clairvauxs Rückzug und Selbstidentifizierung mit der salbenden Maria Magdalena im Verzicht auf die Abtwürde. In der bisherigen Geschlechterforschung gerieten Fragen nach Rückzug und Isolation kaum in den Fokus, obwohl Weltabkehr oder Abwesenheit soziale Interaktion und mithin Konzepte des sozialen und biologischen Geschlechts neu bestimmen. Das internationale und interdisziplinäre Kolloquium soll den genannten Forschungsdesideraten nachkommen und zugleich die Gründung eines Forschungsverbunds zum Thema ‚Rückzug‘ − dann auch erweitert auf männliche und anders geschlechtlich markierte Codierungen und Praktiken des Rückzugs − in die Wege leiten. Ziel ist es, gesellschaftliche, politische und ästhetische Implikationen religiöser bzw. säkularer und post-sekulärer Rückzugsspraktiken und -codierungen aus diachroner und systematischer Perspektive zu diskutieren und dabei historische und zeitgenössische Phänomene analytisch miteinander zu konfrontieren. Sowohl für das Kolloquium als auch für den Forschungsverbund sollen VertreterInnen möglichst vieler Disziplinen (insbesondere der Philologien, der Philosophie, der Geschichts-, Religions- und Musikwissenschaft, der Kunst- und der Wissenschaftsgeschichte) gewonnen werden. Die Arbeit wird von der an den Berliner Universitäten und im Raum Berlin-Brandenburg vorhandenen fachlichen Expertise sowie von internationalen Kooperationen profitieren. Berlin und Brandenburg zeichnen sich durch eine besondere Vielfalt an Verbünden und Zentren zur Geschlechterforschung aus, mit denen Kooperationen angestrebt werden. Zugleich soll die Auseinandersetzung mit einem weniger ‚klassischen‘ Thema der Geschlechterforschung WissenschaftlerInnen einbeziehen, die bisher weniger zum Thema Geschlecht und Gender gearbeitet haben. In Gesprächen haben potentielle ReferentInnen und KooperationspartnerInnen aus dem In- und Ausland immer wieder die Notwendigkeit betont, die hier skizzierte Forschungslücke zu schließen.

Projektleitung
Tippelskirch, Xenia von Prof. Dr. (Details) (Geschichte der Renaissance (J) (S))
Haase-Knöpfle, Jenny (Details) (Romanische Literaturen (spanischsprachige Literaturen))
Trinca, Beatrice Dr. Prof. (Freie Universität Berlin)

Beteiligte Organisationseinheiten der HU

Mittelgeber
Privat/ Mittelgeber Berlin

Laufzeit
Projektstart: 03/2018
Projektende: 12/2020

Forschungsbereiche
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft, Frühneuzeitliche Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Mittelalterliche Geschichte, Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)

Zuletzt aktualisiert 2020-03-07 um 00:05

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