Das Jahrhundert vermessen. Signaturen - Umbrüche - Kontinuitäten

Mit der wachsenden Entfernung verändert sich der Blick der Gegenwart auf das vergangene 20. Jahrhundert. Neue Denkweisen, aber auch der Übergang vom Mitleben zum Nachleben verfremdet bislang vertraut Geglaubtes. Immer unwirklicher erscheint uns dabei die Konkurrenz um die Ordnung der Moderne in Gestalt der drei gegeneinander kämpfenden Gesellschaftsentwürfe Liberaldemokratie, Faschismus und Kommunismus, die das 20. Jahrhundert in Europa beherrschte und zur Epoche nie vorher dagewesener Barbarei, aber dann auch erfolgreicher Re-Zivilisierung machte. Von der Macht dieses Ordnungsdenkens zeugt noch aus der transatlantischen Außenperspektive etwa der 1937 Europa bereisende John F. Kennedy, der in seinem Reisetagebuch zu dem Schluss kam, "dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England". Für die Beschreibung der gewaltigen politischen Zäsuren und Konflikte sowie des umfassenden gesellschaftlichen Wandels haben Historiker eine Reihe von populären Zuschreibungen gefunden, wie "Zeitalter der Extreme", "Jahrhundert der Ideologien", "Amerikanisches Jahrhundert" etc. Diese atmen jedoch mehrheitlich die Luft der Zeitgenossenschaft ihrer Autoren. Inzwischen ermöglichen uns aber der erfahrungsgeschichtliche Abstand sowie neue geschichtswissenschaftliche Zugänge erweiterte, auch ungewohnte Perspektiven auf einen Zeitraum zu richten, dessen universalhistorische Deutung alles andere als abgeschlossen ist. Der 100. Jahrestag des Weltkriegsausbruchs 1914, der die "Urkatastrophe" des "kurzen 20. Jahrhunderts" als "Epoche der Extreme" einleitete, bietet einen guten Anlass für einen ersten Versuch, die deutsche und europäische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts heuristisch als Epoche zu lesen und zu fragen, inwieweit es sich auch unter Fragestellungen zu erfassen lohnt, die die einhundert Jahre von 1901 bis 2000 umgreifen. Ein solcher Versuch kann sich öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein. Aber er übersteigt die Kompetenz des einzelnen Historikers. Einen Impuls aus der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aufgreifend, schlage ich daher vor, im Sommersemester 2014 in Zusammenarbeit zwischen Bundesstiftung, ZZF Potsdam und meinem HU-Lehrstuhl eine Berliner Ringvorlesung zum Thema "Das Jahrhundert vermessen" zu veranstalten, die in zweiwöchentlichem Rhythmus mit acht bis neun Vorträgen solche übergreifenden Perspektiven in politik- und gesellschaftsgeschichtlicher Hinsicht entwickelt. Ziel der Vortragsreihe ist es, überblickshaft analytische Schneisen durch das 20. Jahrhunderts zu schlagen und sich dabei an den säkularen Signaturen auszurichten, die die Geschichte des "kurzen" von 1914/17 bis 1989/90 oder des "langen" vom Wilhelminismus bis in die Gegenwart reichenden 20. Jahrhunderts prägten. Universitär geerdet durch die Verbindung mit einem Masterseminar an meinem Lehrstuhl und öffentlichkeitswirksam durch eine Kooperation vorzugsweise mit Deutschlandradio Kultur, könnte auf diese Weise in Umrissen ein Bild entstehen, das das 20. Jahrhundert in der Fokussierung auf die deutsche Geschichte im europäischen Kontext als eine von Kontinuitäten und Zäsuren durchzogene, aber doch unter gemeinsamen Blickwinkeln erfassbare Epoche zu begreifen und nach ihrem Ort im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart zu fragen erlaubt.

Projektleitung
Sabrow, Martin Prof. Dr. (Details) (Neueste und Zeitgeschichte)

Mittelgeber
Sonstige Stiftungen

Laufzeit
Projektstart: 10/2014
Projektende: 02/2016

Zuletzt aktualisiert 2020-20-03 um 23:08