SFB 644 I-II: Transformationen europäischer Ursprungs- und Zukunftsnarrationen (Teilprojekt A 7)

Kulturelle Identitäten konstituieren sich als Raumordnungen, aber auch als Zeitordnungen. Bisher wurde die Geschichte topologischer Konstruktionen kultureller Identität sei es in den älteren Imperien oder in den nationalistischen Bewegungen der Moderne sehr viel genauer erforscht als die temporalen Konstruktionen kultureller Identität durch Kalender oder Chronologie. Dabei ist durchaus bekannt, welches Gewicht etwa dem Sonnenkalender im römischen Reich zuerkannt wurde; ebenso bekannt ist, dass die beiden wichtigsten Revolutionen der letzten zwei Jahrhunderte ihre Bedeutung auch durch den jeweiligen Entwurf eines neuen Kalenders manifestieren wollten (wenngleich mit geringem Erfolg). Das Projekt bezweckt die Untersuchung der Transformationsgeschichte antiker Chronologie und Epocheneinteilungen. Im Zentrum des Interesses stehen die historisch variablen Strategien zur Verortung und Konstruktion von Kulturen in der Zeit. Dabei sollen in historischen Querschnitten die Wechselwirkungen von Zeitrechnung und mythischer Narration erforscht werden (im Sinne einer history of knowledge): etwa die Konzeption von Zyklen oder Progressionen, sowie deren Modellierung als Fortschritt oder Verfall. Herausgearbeitet werden sollen die Beiträge der Konstruktion von Chronologien und Epochen zum Aufbau kultureller Selbstbilder. Was bedeutet es beispielsweise für eine Kultur, sich selbst als späte Erbin eines »goldenen Zeitalters« oder umgekehrt als Instanz der Überwindung einer barbarischen Vorzeit zu charakterisieren? Was bedeutet es, wenn sie die Geschichte als Zyklus (etwa von Weltaltern) oder als Progression (sei es als Fortschritt oder Niedergang) konzipiert? Besondere Aufmerksamkeit soll im Projekt einerseits dem Übergang von antiker Universalgeschichte zu christlicher Weltchronistik, andererseits dem Übergang von christlicher Weltchronistik zu neuzeitlicher Universalgeschichte gewidmet werden, und zwar auch im Zusammenhang mit der Frage nach den Gründen für die Durchsetzung der christlichen Zeitordnung als inzwischen weltweit gültiger Matrix der Zeitrechnung und der historischen Wissenschaften. Modernisierung (als Globalisierung) bedurfte auch einer Vereinheitlichung temporal-chronologischer Ordnungssysteme.

Projektleitung
Macho, Thomas Prof. Dr. (Details) (Kulturgeschichte)

Mittelgeber
DFG: Sonderforschungsbereich

Laufzeit
Projektstart: 01/2005
Projektende: 12/2012

Zuletzt aktualisiert 2020-01-06 um 16:50