Exzellenz, Brillianz, Genie. Historie und Aktualität erfolgreicher Wissensfiguren

Exzellenz, Brillanz, Genie. Historie und Aktualität erfolgreicher Wissensfiguren In akademischen Kontexten zirkulieren heutzutage multiple Vorstellungen von Exzellenz und Brillanz, Kreativität und Innovation – in diesen Termini scheinen zahlreiche Facetten eines jahrhundertealten Geniediskurses wider. Der Workshop fokussiert einerseits auf diese jüngere Entwicklung, die Impelmentierung von Rhetoriken wie "Exzellenzinitiative" oder "Spitzenforschung" in die Fachsprache, in Selbstbeschreibungen der Forschungslandschaft und das Antragswesen. Andererseits historisiert er diese Entwicklung und widmet sich der Geschichte von Begabtenförderungsprogrammen und Geniekulten in europäischen Schriften von der Jahrhundertwende um 1900 und nachfolgenden Jahrzehnten an. Das "Genie" war eine obsessiv diskutierte kontroversielle Wissens- und Repräsentationsfigur in interdisziplinären wissenschaftlichen wie literarischen Texten, die vor allem zwischen 1890 und 1920 veröffentlicht wurden. Der Rückbezug auf den abstrakten Geniebegriff hatte eine diskursive und strategische Funktion: Auf der einen Seite gab es zahlreiche das „Genie“ verehrende Theoretiker, zu denen Hans Blüher, Houston Stewart Chamberlain, Otto Hauser, Ernst Kretschmer, Arthur Schopenhauer und Otto Weininger gehörten. Sie glaubten an es als Retter, Erlöser der Gesellschaft und Erschaffer von Kultur. Wohingegen andere Theoretiker das "Genie" im Kontext größerer soziokultureller Problematiken, Unischerheiten und Utopien beschrieben und kritisierten (z.B. Walter Benjamin, Jakob Wassermann oder Edgar Zilsel). Letztere betonten außerdem die anti-feministischen und anti-semitischen Tendenzen, die mit der Geniekonzeption zusammenhingen, die von 1900 bis in die 1930er Jahre mehr und mehr mit rassenhygienischen Vorstellungen und Züchtungsgedanken des Nationalsozialismus verschmolzen. Auf der anderen Seite half die Geniefigur – via Projektion der Qualitäten sogenannter „großer Männer der Geschichte“, „Eminenzen“, „Höchstleister“, „Repräsentanten des Geistes“, „Superlative der Menschheit“, „Zeitenwender“, „Ausnahmemenschen“, „Männerhelden“ oder „geistiger Führer“ – fragilen und sich teilweise neu konstituierenden akademischen Disziplinen dabei, wie Soziologie, Sexualwissenschaften, Psychologie und Philosophie, ebenso wie Wissenschaftlern und Schriftstellern, ihre professionelle Identität aufzubauen, ihre (häufig cross-diziplinären) Methodologien zu legitimieren und sich ihrer eigenen rationalen, intellektuellen und kreativen Kräfte zu versichern. Der geplante Workshop zeichnet diese verwickelte und komplexe Geschichte nach und transponiert sie zudem auf neuere Repräsentationen von Geniewissen und die Frage, wie der heutige Begabtenleistungs- und Geniediskurs aussieht und in welchen inner- und außeruniversitären Kontexten er sich abspielt.

Projektleitung
Köhne, Julia Barbara PD PD Dr. (Details) (Historische Anthropologie und Geschlechterforschung)

Beteiligte Organisationseinheiten der HU

Mittelgeber
Sonstige Stiftungen

Laufzeit
Projektstart: 11/2016
Projektende: 03/2017

Forschungsbereiche
Kunst-, Musik-, Theater- und Medienwissenschaften, Literaturwissenschaft, Philosophie

Forschungsfelder
Geisteswissenschaften, Genieforschung, Hochbegabtenförderung

Zuletzt aktualisiert 2020-01-06 um 16:49